Urlaub im Kloster: zwischen Blüten und Büchern

Blühender Stiftsgarten
Blühender Stiftsgarten
Eine Auszeit im Stift Seitenstetten in Niederösterreich heißt Schlafen in historischen Gästezimmern, Spazieren im üppig bepflanzten Klostergarten und Schmökern in der prunkvollen Bibliothek.

Es sind nur wenige Schritte, um mitten in die Entschleunigung zu treten. Während draußen die Sonne gleißt, lässt einen die Kühle hinter den dicken Klostermauern innerlich aufatmen. Die Geräusche von Autos, Spaziergeher*innen, Radler*innen und die Stimmen im nahe gelegenen Gastgarten verstummen. Freilich ist es im Kloster meistens nicht vollkommen still. Aber die Laute und Klänge sind ruhiger, bedachter, weniger vereinnahmend. Die langen, breiten, mit Stein gepflasterten Gänge vermitteln: Hier ist genügend Raum, um sich zurückzuziehen. Die Zeit ist zwar auch hier nicht stehengeblieben, aber ein Stück weit scheint sie zumindest angehalten zu werden.

Uralub im Kloster_Stift Seitenstetten mit Stiftsgarten
Blick vom Siftsgarten auf den Kirchturm des Stifts Seitenstetten
Gang im Stift Seitenstetten
Historsicher Gewölbegang zu den Gästezimmern

Urlaub im Kloster: Schlafen im historischen Gewölbe

Das Benediktinerstift Seitenstetten im niederösterreichischen Mostviertel empfängt Reisende, die sich ein paar Tage oder Wochen Auszeit gönnen möchten, in Gästezimmern. Von Pilger*innen über Radfahrer*innnen bis zu jenen, die einfach nur abschalten wollen. Mit einem Schlüssel an einem klobigen Anhänger in der Hand tritt man bem Urlaub im Kloster über den kühlen Steinboden ins eigene Reich mit hohen Decken und antiken Möbeln. Ohne Fernseher und mit eingeschränkter Internetverbindung. Das WLAN-Passwort ist hier Programm: ora et labora. Wer gern ein bisschen moderner gebettet ist, quartiert sich im gegenüberliegenden Meiereihof der Klosteranlage ein.

Gästezimmer Stift Seitenstetten_Urlaub im Kloster
Einfach und bequem: Gästebett im Stift Seitenstetten
Gästezimmer Seitenstetten_Urlaub im Kloster
Modern-antike Gästezimmer

Morgenstimmung im Stiftsgarten

Die Nacht im Kloster: Hier hört man noch Schritte, da ein Abendgebet. Früh morgens dringen Vogelgezwitscher und Autogeräusche durch das geöffnete Fenster herein. Jetzt in der Gaststube eine Tasse Kaffee holen, in den historischen Klostergarten spazieren und die kühle Morgenstimmung inhalieren. Vorbei am Glashaus, geradewegs in den Kräutergarten, in dem rund 260 Kräuterarten angebaut sind. Rosen und Lavendel duften, während die Sonne sich langsam hinter den Bäumen emporschiebt und den Kirchturm des Klosters in weiches Lichte taucht. Oregano, Nelken, Bohnenkraut und Astern bilden ein harmonisches Blütenensemble. Magnolienbäume, Apfelbäume und Kirschbäume ruhen auf perfekt gestutztem Rasen.

Stiftsgarten am Morgen_Urlaub im Kloster
Frische Morgenluft und erste Sonnenstrahlen nach dem Aufwachen
Oregano im Stiftsgarten Seitenstetten
Blühender Oregano
Blühender Stiftsgarten Seitenstetten
Zarte Blütenpracht im Stiftsgarten

Stiftsgarten Seitenstetten: einst verwildert, heute restauriert

Die barocke Gartenanlage des 900 Jahre alten Stifts Seitenstetten wurde vor rund 200 Jahren angelegt. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Ziergarten ein Selbstversorgergarten, der irgendwann verwilderte. „Bis 1996 hat man den Garten wieder restauriert und heute bildet er Jahrhunderte der Gartengeschichte ab“, erzählt Gartendirektor Stefan Kastenhofer bei einer Gartentour nach dem Frühstück. Zum heutigen Klostergarten in Seitenstetten gehören ein englischer Landschaftsgarten mit barockem Brunnen, ein Kräutergarten, ein Nutzgarten, ein Obsthain und ein Rosengarten.

Stefan Kastenhofer
Gartendirektor Stefan Kastenhofer
Meiereihof Stift Seitenstetten_Urlaub im Kloster
Hinter den Obstbäumen schützt der Meiereihof den Stiftsgarten

Ein geordneter Dschungel fernab vom Trubel

Der Klostergarten des Stifts Seitenstetten ist von drei Seiten von Mauern umschlossen. Von der vierten Seite umgibt ihn die Mauer des Meiereihofs. Somit ist man weit weg vom Trubel des Alltags. „Ein intensives Gartenerlebnis auf kleiner Fläche“, fasst es Gärtner Stefan Kastenhofer zusammen, während er weiß blühendes Bohnenkraut abzupft und den Besucher*innen vor die Nase hält. Wie viele Pflanzenarten hier gedeihen, hat er nie gezählt. Er schätzt, dass es um die Tausend sind. Das angebaute Gemüse wird in der Klosterküche verwendet. Die Blüten der Rosen werden in Handarbeit abgezupft und zu Rosenblütenlikör verarbeitet.

Stiftsgarten Stift Seitenstetten mit Sitzgelegenheit
Zelt oder Bank? Beides, hauptsache Schatten spendend

Gartenakademie: Workshops für Pflanzenliebhaber*innen

In der Mitte des Klostergartens haben die Schüler*inen vom Stiftsgymnasium einen wilden Garten mit umranken Holzzelten eingerichtet. Am Gartenende ist seit einigen Jahren ein Pflanzenlabyrinth angelegt, als Genesungswunsch für den damals erkrankten Altabt. „Ein Garten ist etwas Dynamisches, es kommt ständig etwas Neues hinzu“, sagt Stefan Kastenhofer. Sein Fachwissen geben er und externe Kursleiter*innen bei Seminaren und Workshops in der klostereigenen Gartenakademie weiter. Sie reichen von herbstlicher Floristik über botanische Malerei bis zum Einmaleins der Gartenpraxis.

Gärtnerei Bognerhof Seitenstetten
Dem Stift angeschlossen ist die Gärtnerei Bognerhof.
Blumenwiese Stift Seitenstetten
Blühende Blumenwiese am Gärtnerei-Areal

Angeschlossene Gärtnerei mit Experimentierfreude

Der Gärtner ist nicht nur für die klösterliche Gartenanlage zuständig, sondern betreibt daran angeschlossen eine eigene Gärtnerei. Auch dort tut sich viel: Aktuell experimentiert er mit dem Begriff Zeit. Er hat dafür auf einem Stück Wiese eine Blumenmischung ausgestreut, deren Entwicklung er genau beobachtet. Jetzt, im Hochsommer, blühen dort Margeriten, Mohnblumen, Kornblumen und die Kornrade. Auf einem Wiesenstück, das vor zwei Jahren bepflanzt wurde, stehen heute Flockenblumen, wilde Karotten und Schafgarben. Ein anderes Stück Land wird bewusst sich selbst überlassen. Das Wiesenstück wird vermutlich im Lauf der Zeit verbuschen und irgendwann zum Wald werden.

Stiftsführung: In den Prunkt der Vergangenheit eintauchen

Eine Führung durch das Stift Seitenstetten ermöglicht Einblicke hinter verschlossene Türen. Etwa in den prunkvollen Marmorsaal mit den Deckenfresken. Der Weg dorthin führt über die ebenso prunkvolle Abteistiege. Die Klosterarchitektur spielt mit Licht und Schatten, vom Eingang bis zur Kirche wechseln dunkle Gänge und helle Elemente ab. „Das steht für unser aller Lebensweg“, erklärt Tourguide Elfriede Scholler.

Abteistiege Stift Seitenstetten_Urlaub im Kloster
An der Abteistiege werden traditionell Gäste empfangen.
Marmorsaal Stift Seitenstetten
Blick aus einem der hohen Fenster des Marmorsaals
Ornamente Stift Seitenstetten
Ornamente zieren die Abteistiege.
Stiftsbibliothek Stift Seitenstetten_Urlaub im Kloster
In der historischen Stiftsbibliothek stapeln sich wissenschaftliche Schriften.
Bücher in der Stiftsbibliothek Seitenstetten
Partnerlook: Alle Bücher in der Stiftsbibliothek haben denselben Einband.

Beim Eintreten in die Stiftsbibliothek macht Staunen die Runde. Alle 16.000 Bücher haben denselben weißen Einband. Das hat einen praktischen Grund: Früher wurden im Wirtschaftsgebäude des Stifts bis zu 300 Schweine gehalten. „Damals wurde nichts weggeworfen und so hat man das Leder der Schweine weiß gekalkt und die Bücher damit einbinden lassen“, sagt Elfriede Scholler. Die wissenschaftlichen Schriften aus Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Philosophie dienen heute mehr als Dekoration als dem Schriftenstudium. Sie sind auf Latein und Altgriechisch verfasst. Da sie für wissenschaftlichen Zwecke verwendet werden dürfen, kommen immer wieder Studierende, um die Bücher vor Ort zu lesen. Eine Mini-Auszeit mit Mehrwert sozusagen.

Blick hinter die Klostermauern
Das Benediktinerstift Seitenstetten im niederösterreichischen Mostviertel ist eines von 27 Klöstern und Stiften, die unter dem Namen „Klösterreich“ unterschiedliche Auszeiten im Kloster anbieten. Speziell ist der gut gepflegte Klostergarten mit Themenführungen und eigener Gartenakademie. Verpflegung gibt es wahlweise im Kloster oder bei den Wirten in der Umgebung, etwa beim „Mostviertlerwirt“ ums Eck mit Spezialitäten wie Mostschaumsuppe oder Mostpudding. Verträgliche Anreise: Das Stift liegt direkt am Mostviertelradweg, der Bahnhof St. Peter in der Au ist rund drei Kilometer entfernt.

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Lust auf mehr Eindrücke von der Kloster-Auszeit? Hier schildern die Journalistin Anita Arneitz („Tolle Knollen im Kloster“) und die Reisebloggerin Elena Paschinger („Gartenakademie Stift Seitenstetten“) ihre persönlichen Eindrücke vom Stift Seitenstetten.

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