Urlaub vom Lärm: Warum Ruhe lebenswichtig ist

Stille am Waldweg
Wie viel Lärm vertragen wir? Wie finden wir Ruhe? Und was hat das mit Urlaub zu tun? Das und mehr erklärt der Umweltmediziner und Buchautor Hans-Peter Hutter im kofferpacken.at-Interview.

Stille ist Urlaub für die Seele, heißt es. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien erläutert im Gespräch mit kofferpacken.at, was Lärm ist und wie er sich auf die Gesundheit auswirkt. Zudem unterscheidet er zwischen tatsächlicher Stille und Ruhe. Außerdem weiß er, wie man sich dem „Urlaub für die Seele“ am besten annähert und worauf es ankommt, wenn man sich wirklich vom Lärm der Welt erholen möchte.

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kofferpacken.at: Was macht ein Geräusch zu Lärm?

Hans-Peter Hutter: Lärm ist Schall, der in Form von Schwingungen ans Ohr kommt, im Kopf verarbeitet und dabei negativ konnotiert wird. Nicht jedes Geräusch ist automatisch Lärm. Viele Geräusche sind positiv besetzt, zum Beispiel sich Lieblingsmusik anzuhören. Das Wesentliche ist also die Unterscheidung, ob ein Geräusch als positiv oder negativ empfunden wird. Das Aufheulen einer Harley ist für den einen angenehm, für den anderen furchtbar. Lärm ist etwas, das durch die Beurteilung im Kopf erst zu Lärm wird. Das ist ein sehr komplexer Vorgang.

kofferpacken.at: Wie schadet Lärm der Gesundheit?

Hans-Peter Hutter: Wenn wir ein Geräusch als Lärm empfinden, wird das autonome Nervensystem aktiviert, der Körper schüttet Stresshormone aus und vieles mehr. Wir befinden uns in ständiger Alarmbereitschaft. Lärm und alles, was damit zusammenhängt, bedeutet Stress. Und Stress kann langfristig krank machen.

kofferpacken.at: Wie wirkt sich lärmbedingter Stress aus?

Hans-Peter Hutter: Von Lärm verursachter Stress wirkt sich mental, körperlich und sozial aus. Wir können geistig weniger leisten, uns schlechter konzentrieren, uns Dinge weniger gut merken.

kofferapcken.at: Können Sie das genauer erklären?

Hans-Peter Hutter: Auf der emotionalen Ebene macht Lärm nervös, aggressiv, angespannt, verärgert oder auch frustriert. Auf der körperlichen Ebene wird unser Herzkreislaufsystem gefordert, das Risiko für Bluthochdruck und Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt steigt. Stoffwechsel und Hormonsystem werden beeinträchtigt. Nächtlicher Lärm wiederum stört den Schlaf und mindert die Erholung. Auch sozial leiden wir unter Lärm: Wo es lärmig ist, ist die Sprachentwicklung beeinträchtigt und die Hilfsbereitschaft sinkt.

kofferpacken.at: Welche Folgen bringt das mit sich?

Hans-Peter Hutter: Die Folgen von Lärmstress reichen von Unruhe, Nervosität, Müdigkeit über Gefühle von Hilflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Magen-Darmbeschwerden bis zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder Depression.

kofferpacken.at: Demnach ist es überlebenswichtig, dem Lärm regelmäßig zu entkommen?

Hans-Peter Hutter: Ja. Weil wir Menschen nicht unter Dauerstress leben können, ohne dass wir stark beeinträchtigt sind, die Lebensqualität sinkt und wir erkranken können. Wir brauchen Erholung und Entspannung, um gesund und munter durchs Leben zu kommen.

kofferpacken.at: Wo trifft der Mensch heute überhaupt noch auf Stille?

Hans-Peter Hutter: Tatsächliche Stille heißt doch, dass man überhaupt keinen Schallemissionen ausgesetzt ist. Solche Orte gibt es heute kaum mehr, höchstens im Weltall. Aber Stille darf man nicht mit Ruhe vergleichen oder mit dem, was jemand als Ruhe empfindet.

kofferpacken.at: Wenn wir uns erholen wollen, sollen wir also vor allem die Ruhe suchen?

Hans-Peter Hutter: Ja. Menschen können sich an vielen Orten erholen, auch wo es nicht still, aber ruhig ist. Wobei es sehr unterschiedlich ist, welche Klänge oder Geräusche jemand als erholsam empfindet.

kofferpacken.at: Welche Orte könnten das sein?

Hans-Peter Hutter: Jedenfalls Orte, an denen wir uns bewusst der Entspannung widmen. Das ist das Wesentliche. Das kann eine Meditation in den eigenen vier Wänden genauso sein wie das Sitzen auf einer Parkbank oder im Kaffeehaus. Dieses bewusste Innehalten ist aus meiner Sicht jedenfalls notwendig, um uns vom Lärm zu erholen. Und es braucht eine gewisse Regelmäßigkeit. In die Ruhe zu gehen ist kein Einzelevent.

kofferpacken.at: Welche Rolle spielt die Natur, wenn wir Ruhe und Erholung suchen?

Hans-Peter Hutter: Wie und wo wir Ruhe finden, hat völlig unterschiedliche Ausformungen. Aber ich würde schon meinen, dass es eine gewisse Sehnsucht zur Natur gibt. Man geht zum Beispiel in den Wald, um sich von der lauten Stadt zu erholen. Das fährt den Stress zurück und ermöglicht eine psychische und körperliche Erholung. Man ist dort vielleicht ähnlichen Dezibel-Werten wie in der Stadt ausgesetzt, aber man empfindet die Geräusche anders, positiver. Bei einer Untersuchung, die wir mit Jugendlichen gemacht haben, ist herausgekommen: Sie haben sich am nachhaltigsten da erholt, wo es am grünsten ist.

kofferpacken.at: Was passiert in uns, wenn wir uns Stille oder Ruhe aussetzen?

Hans-Peter Hutter: Unser Organismus wird entlastet in dem Sinne, dass weniger negative Einflussfaktoren auf uns einwirken. Das heißt, dass wir nicht ständig negativ aktiviert werden. Und das wiederum befreit uns davon, andauernd reagieren zu müssen. Im Gehirn machen sich Raum und Zeit breit, die eigenen Fähigkeiten wieder besser einzusetzen und man kann sich besser konzentrieren.

kofferpacken.at: Ein Spruch sagt „Stille ist wie Urlaub für die Seele“. Wie denken Sie darüber?

Hans-Peter Hutter: Wenn Sie Urlaub nicht so definieren, wie etwa die verstörenden Bilder aus Lignano zu Pfingsten vermitteln, dann finde ich diesen Vergleich gut. In die Stille beziehungsweise in die Ruhe zu gehen, ist tatsächlich wie Urlaub. In beiden Fällen sollte man sich erholen. Von daher scheint mir die Formulierung sehr passend. Es geht, wie gesagt, ums Innehalten.

kofferpacken.at: Wie finden wir im Urlaub zur ersehnten Ruhe?

Hans-Peter Hutter: Für die einen ist Urlaub am Meer erholsam, für die anderen in den Bergen oder am See. All diese Orte haben unterschiedliche Geräuschkulissen. Ich habe selbst Schallmessungen am Meer, in einiger Entfernung vom Strand, gemacht. Dort ist es oft ähnlich laut wie in der Nähe viel befahrener Straßen. Aber man ist weg vom Alltag, schaut aufs Wasser und empfindet das Rauschen des Meeres als positives Geräusch. Manchen Menschen hilft es auch, sich ganz bewusst von der Urbanität zurückzuziehen, etwa bei einem mehrtägigen Schweigeseminar im Kloster. Mir allerdings nicht.

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Hans-Peter Hutter ist stellevertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien. Im Jahr 2021 hat er gemeinsam mit Judith Langasch das Sachbuch „Sind wir noch zu retten?“ (Verlag Kremayr & Scheriau) veröffentlicht. Darin beschreibt das Autor*innenteam die gesundheitlichen Auswirkungen von Umwelteinflüssen. (Fotos: Yannik Kurzweil, Verlag K&S)

Umweltmediziner Hans Peter Hutter

Buch "Sind wir noch zu retten?"

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