Politik und das wahre Leben, das sind zwei Paar Schuhe. Ein Stimmungsbild aus Griechenland.

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“Wir nennen den Zustand in Griechenland nicht Wirtschaftskrise sondern Politische Krise“, hat mir der Besitzer einer Pension auf der Halbinsel Chalkidiki unlängst gesagt. Wörter wie Grexit und Austritt aus der Eurozone geistern seit Monaten, ja Jahren, durch die Medien. Hier in Griechenland scheint das niemanden mehr zu interessieren, schließlich muss das Leben weiterlaufen. Man kann nicht ewig abwarten, wie „da oben“ entschieden wird. Denn Politik und das Leben der normalen Leute, das sind zwei verschiedene Dinge.

Seit einem Monat reise ich durch den Norden Griechenlands. Oberflächlich ist hier wenig von einer Krise zu spüren. Man stellt sich von außerhalb vielleicht vor, die Leute stecken den Kopf in den Sand, geben auf, kapitulieren. Aber wie würde man selbst handeln? Das Leben geht weiter, es muss weitergehen. Die Kinder müssen zur Schule, Essen muss auf den Tisch, man will leben, denn man lebt nur einmal.

Krise in Griechenland: Am Ende steht der Mensch.

Und das soll eine Krise sein?

Die Cafés im Stadtzentrum von Thessaloniki sind voll, die Leute flanieren entlang der Hafenpromenade, Liebespaare halten Händchen. So mancher Tourist fragt hinter vorgehaltener Hand: Und das soll eine Krise sein? „Wir sind ein mediterranes Volk, wir waren schon immer viel draußen“, erklärt mir eine Reiseführerin. In schweren Zeiten vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als sonst. „Die Eltern und Großeltern tun alles für ihre Kinder, das Haus ist wieder offen, man besucht sich gegenseitig.“ In heiklen Situationen rücken die Menschen wieder näher zusammen, neue, kreative Ideen entstehen. Als Tourist wird man erstaunlich oft angesprochen, woher man kommt. Die Leute sind interessiert, viele sprechen Deutsch, manche haben eine Zeitlang in Deutschland oder Österreich gelebt.

Essensverteilung vor den Kirchen

Natürlich, die Situation sei schwierig, hört man von allen Seiten. Durch Lohnkürzungen und Steuererhöhungen haben viele ein Drittel oder mehr ihres Einkommens verloren. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent, drei Millionen Griechen sind nicht sozialversichert (Quelle: Profil). In Städten wie Thessaloniki mussten neue Notschlafstellen eingerichtet werden, es gibt immer mehr Leute, die auf die Essensverteilung in den Kirchen angewiesen sind. Davor sieht man an manchen Tagen lange Schlangen stehen. Einfacher ist es möglicherweise in ländlichen Gegenden. „Wir werden überleben“, sagt der Pensionsvermieter auf Chalkidiki ein anderes Mal. „Hier am Land besitzen die Familien ein Haus, haben einen Garten.“

Die Griechenland Zeitung, das deutschsprachige Medium in Griechenland, ist halb voll mit Meldungen zur Krise: Ein Österreicher hat Hilfsgüter für Kinder in Athen organisiert, ein Gericht hat die Rentenkürzungen von 2012 für verfassungswidrig erklärt, eine Reportage über die Leute auf der Insel Lefkada, die sich ohne Arbeit durchkämpfen – und natürlich die Verhandlungen zwischen griechischer Regierung und internationalen Gläubigern. Hinzu kommt die Flüchtlingsproblematik, ein afghanischer Flüchtling wird in der Zeitung porträtiert.

Krise in Griechenland

Trotzdem hat man als Reisender das Gefühl, sich in einem völlig anderen Griechenland zu befinden als in jenem, das über die Medien hauptsächlich transportiert wird. Man malt sich sein eigenes Bild. Daheim liest man viel über Politik, Verhandlungen und Zahlen. Hier in Griechenland lebt man seit Jahren in dieser bedrohlichen Situation. Die Griechen mussten einen Weg finden, im Alltag mit dieser Ungewissheit zurechtzukommen. „Es ist unsere Mentalität: Wenn es uns schlecht geht, denken wir positiv und sitzen es aus“, erklärt mir eine 32-jährige Lehrerin.

Auch sie musste eine Lohnkürzung hinnehmen. 200 Euro weniger im Monat, das ist viel Geld für eine Lehrerin, die nach zehn Jahren noch immer keinen fixen Vertrag hat. Aktuell arbeitet sie auf ihrer Heimatinsel Kreta. Im Sommer bekommt sie kein Gehalt, manchmal kriegt sie Arbeitslosengeld, in anderen Jahren jobbt sie in Cafés. „Ich hoffe wirklich, dass ich diesen Sommer auch etwas finde, es wird von Jahr zu Jahr schwieriger.“ Ihren Freund hat sie seit neun Monaten nicht gesehen. Denn der musste einen Job auf der Insel Naxos annehmen.

“Wäre ich jünger, ich würde auswandern”

Man merkt, sie will reden. Je mehr sie erzählt, desto starrer wird ihr Blick, das Lächeln schwindet. Vom positiven Denken, um das sie sich so bemüht, ist bald nicht mehr viel zu spüren. „Ich bin wirklich deprimiert. Wenn ich 20 wäre, würde ich auswandern. Aber ich bin 32, meine Eltern werden älter, es ist nicht mehr so leicht.“ Alle ihre jüngeren Freunde, sagt sie, haben Griechenland verlassen, studieren und arbeiten in Deutschland oder den USA. Wenn die Lehrerin über ihre Schüler spricht, beginnen ihre braunen Augen wieder zu leuchten. „Sie rauben mir viel Energie, aber sie geben mir auch Hoffnung. Für mich sind sie wie Freunde, ich genieße es, gemeinsam mit ihnen zu spielen.“

Getrübte Stimmung, gleichzeitig Kampfgeist. Das ist das Griechenland abseits der großen Politik. Dieser Text soll kein Kommentar sein, kein politisches Statement. Er soll nur auf eines hinweisen: Egal, wie es in diesem Land weitergeht, am Ende politischer Entscheidungen steht immer der einzelne Mensch.

 

Offenlegung
Wir waren im Juni 2015 mehrere Wochen lang in Griechenland unterwegs. Das Flugticket wurde von Aegean Airlines gesponsort, die Teilnahme an einem viertägigen Bloggerevent von Marketing Greece. Den Rest der Zeit waren wir individuell und auf eigene Kosten unterwegs. Meinungen, Bilder und Texte sind wie immer „hausgemacht“.