Underground statt Glamour. Dunkle Buden und helle Gärten. Die so genannten Ruin Bars sind in Budapest Kult.

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Szimpla Kert, Ruin Pub in Budapest

Eingang des „Szimpla Kert“ in der Kazinczy utca.

Sie ist von außen unscheinbar, rundherum ist es stockdunkel. Nur ein beleuchtetes Schild und eine bunte Lichterkette weisen auf das hin, was einen beim Betreten der Bar „Szimpla Kert“ in Budapest erwartet. Drinnen stolpert man durch dunkle, halb offene Räume mit vollgekritzelten Wänden, hinaus ins Freie, wo Lampen von Bäumen hängen, bunte Sessel zwischen abgebröckelten Mauern platziert sind und Stahl und Glas über einem schweben. Das „Szimpla“ in der Kazinczy utca ist Budapests älteste und bekannteste Ruin Bar und wurde 2012 von Lonely Planet-Lesern zur drittbesten Bar der Welt gewählt.

Szimpla Kert

Die vollgekritzelten Wände gehören hier zum Interieur. Foto: Andrea Brenner

Abrisshäuser werden zu Ruin Bars umfunktioniert

Ruin Bars gibt es in der ungarischen Hauptstadt seit ungefähr 15 Jahren. Sie werden in ehemaligen Wohnhäusern oder Fabriken eingerichtet, die eigentlich für den Abriss bestimmt sind und mit ausgemusterten Möbeln ausgestattet. Dank Zwischennutzungsverträgen dürfen die Gebäude für Kultur und Gastronomie zeitlich begrenzt genutzt werden. „Ruin Bars sind aber keine besetzten Häuser – die Betreiber zahlen ganz normal Miete an die Besitzer der Gebäude“, klärt Attila Höfle von der Website www.ruinpubs.com auf. Der Großteil dieser Gebäude würde Investoren aus dem In- und Ausland gehören.

Ruinpub in Budapest

„Kert“ heißt auf ungarisch „Garten“. Der Biergarten des „Szimpla Kert“ liegt in einem Hinterhof.

Szimpla: Budapests kultige Sehenswürdigkeit

Das „Szimpla“ ist inzwischen so beliebt, dass es in vielen Reiseführern empfohlen wird, am Plattensee ein eigenes Outdoor-Camp und in Berlin ein „Szimpla“-Café sowie ein Musiksalon eröffnet wurden. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite des Ruin Pubs gibt es mittlerweile ein eigenes kleines Info-Center. „In die Bar und den Gastgarten passen bis zu 800 Gäste“, erklärt Mitarbeiterin Edina Mihály, „mittlerweile sind 60 bis 70 Prozent der Besucher Touristen.“

Fahrräder aus dem Pub

Seit Sommer 2012 kann man im „Szimpla“ auch alte Fahrränder mieten. Foto: Andrea Brenner

Von Konzert bis Freilichtkino

Die Nächte im „Szimpla“, wie es die Einheimischen abgekürzt nennen, sind lang und laut. Mit einem Cocktail oder Bier in der Hand geht es erst hinein, dann hinaus in den Garten („Kert“), über enge Stahlstiegen hinauf, vorbei an versteckten Tischen, irgendwo dazwischen der DJ und sein Pult, dann schweift der Blick über ein Geländer wieder über das bunte Treiben einen Stock tiefer – kurz, es gibt viel zu entdecken. Das Programm ist bunt gemischt und reicht von Konzerten bis Freileichtkino.

Bauernmarkt im Szimpla Kert

Sonntags laden die Betreiber des „Szimpla“ im Innenhof zum Bauernmarkt ein. Foto: Lazar Todoroff

Fahrräder und Gemüse

Seit Sommer 2012 ist das „Szimpla“ auch tagsüber Treffpunkt für die Budapester: Im „Bike Basement“ werden alte Fahrräder repariert und an Einheimische und Touristen verliehen. Zusätzlich wird monatlich ein Rad-Flohmarkt veranstaltet. Auf diese Weise will man die Fahrrad-Kultur der Stadt prägen. Neben Mobilität sollen die Städter auch in Sachen Ernährung zum Umdenken bewogen werden: Sonntags wird im Gastgarten zum Bauernmarkt eingeladen. Die Idee dahinter: Eheimische Bauern unterstützen und den Stadtbewohnern Zugang zu frischen, gesunden Lebensmittel abseits von Supermärkten bieten.

Underground-Lokal R33

Neben dem „Szimpla Kert“ sind im Budapester Nachtleben mittlerweile unzählige weitere Ruin Bars und Clubs aus dem Boden gesprossen. Wer sich noch tiefer unter die einheimische Szene mischen möchte, sollte sich das R33 anschauen. „Das ist ein echtes Underground-Lokal, ähnlich dem Tacheles in Berlin“, verrät ein Einheimischer. Das Tacheles war ein Abrisshaus in Berlin-Mitte, das Künstler nach dem Fall der Berliner Mauer über Jahre hinweg besetzt hatten, später wurde es zum Touristen-Magneten – bis es im September 2012 endgültig geräumt werden musste.

Das R33 ist ein Kulturklub, der von jungen Budapestern betrieben wird und ein Stück außerhalb des Stadtzentrums liegt (Anfahrts-Beschreibung siehe Infobox). Der Club hat sich in einem alten Fabriksgelände einquartiert und bietet jungen Künstlern und Musikern Übungsräume und Auftrittsmöglichkeiten an.

„Nachglühen“ beim Mexikaner

Zurück ins Nachtleben der Innenstadt. Wenn nach dem Fortgehen im „Szimpla“ der Hunger kommt, wird einem von allen Seiten die kleine mexikanische Imbissbude „El Rapido“ ein paar Meter weiter empfohlen. Hier trifft man sich nach dem Pub auf Bier, Chili und Tortillas zu günstigen Preisen.

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Und ein letzter Tipp: Das „Szimpla“ ist nicht das einzige Nachtlokal in Budapest, das von Lonely Planet zu einer der besten Bars der Welt gewählt wurde. Auf Platz 1 landete das alte Frachtschiff A38, das zur Basis für Clubbings, Konzerte und Ausstellungen umfunktioniert wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

Last but not least: Wie wäre es mit einem Nachtspaziergang durch Budapest?

 

Infos:

Bar Szimpla Kert: www.szimpla.hu

Anfahrt zum Kulturklub R33: Tram 2 bis Vagohid, aussteigen und wieder ein Stück zurück stadteinwärts gehen, unter der Autobahnbrücke hindurch bis man auf der rechten Seite stadteinwärts Bäume und eine alte Fabrik sieht. Beim Fabrikseingang hinein und dem Schild R33 folgen. Täglich ab 14 Uhr offen, sonntags geschlossen. Info: www.r33.hu