Die Linzer beleben ihre Stadt von unten – mit kreativen Projekten. Sogar eine eigene Währung gibt’s.

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„Linz war lange Zeit ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte.“ Das sagt eine, die es wissen muss: Reiseleiterin Irmi Sperner. Kaum ein (Ober)Österreicher, der den alten Sager „In Linz, da stinkt’s“ nicht kennt. Industrie, Abgase, Verkehrslärm. „Früher hat man vermieden, hierherzukommen“, erinnert sich Sperner. Linz war eine unliebsame Autobahnabfahrt am Weg von West nach Ost oder umgekehrt. Warum sich das geändert hat, weiß die Fremdenführerin auch:

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  • Da wäre erstmal das Stahlwerk Voest, das umwelttechnisch auf Vordermann gebracht wurde.
  • Dann das „Upgrading“ der Donau, die Wasserqualität hat sich auf Güte II verbessert.
  • Und: Linz war vor fünf Jahren Europäische Kulturhauptstadt. Dass das einiges mit der Stadt gemacht hat, darüber sind sich alle einig, die wir auf unserer Kurzreise getroffen haben. Mittlerweile steigen Zuzüge und Geburten, es gibt sogar mehr Arbeitsplätze als Einwohner.

Linz von oben

Was in Linz vor allem auffällt: All die positiven Neuerungen kommen nicht nur von oben, sondern auch von unten: Die Linzer leben nicht nur in ihrer Stadt, sie beleben sie. Überall setzen sie Zeichen, machen sich bemerkbar, zeigen Stimme, verschmelzen mit ihrer Stadt und nutzen scheinbar Nutzloses. Das fängt beim Mini-Gemeinschaftsgarten an und endet beim offenen Kulturprojekt mitten am Hauptplatz. Wir haben uns ein Wochenende lang in Linz umgesehen:IMG_3561IMG_3561IMG_3561

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Echt grün: der Linzer Dschungel

Genau. Man braucht sich nur die Inlineskates anziehen, auf’s Rad setzen oder an Bord des Ausflugsschiffes „Die Linzerin“ gehen. Schon ein paar Minuten später fährt man an den Industrietürmen der Voest vorbei und ist – jawohl – mitten im Grünen. Links und rechts der Donau ziehen dann nicht Häuser, sondern Eschen und Grauerlen an einem vorbei. Das Naturschutzgebiet Traun-Donau-Auen reicht bis ins Stadtgebiet, von manchen wird es als „Dschungel der Linzer“ bezeichnet.

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Entlang der Donau gibt es einige kleinere Kiesstrände, außerdem ist ein richtiger Donaustrand mit Gastronomie in Planung. Und die Linzer selbst tragen dazu bei, dass ihre Stadt grüner wird: In Alt-Urfahr wird in Hochbeeten Gemüse zur freien Entnahme angebaut. Direkt neben dem Ars Electronica Center hat der Kulturverein Stadtwerkstatt einen Teil der Donaulände mit Grünzeug bepflanzt und einen großen, frei zugänglichen Griller aufgestellt.

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Richtig hip: Regionales aus dem Mühlviertel

Das Mühlviertel ist bekanntlich nicht weit von Linz. Und mittlerweile scheint dieser hügelige, ländliche Teil Oberösterreichs gar nicht mehr uncool, sondern richtig hip zu sein. Das macht sich zum Beispiel in der Gastronomie bemerkbar: Immer mehr Betriebe setzen auf regionale Produkte – auch aus dem Mühlviertel. Im Atelierhaus Salzamt direkt an der Donau haben heimische und internationale Künstler vorübergehende Ateliers. Abends gibt es Vernissagen und Ausstellungen. Mittags aber heißt es „Mühlvierteln“, dann wird landestypisch aufgekocht. Zum Beispiel Bio-Wildhendlhax‘ oder Fisolengulasch (Betriebsurlaub bis 1. Oktober 2014).

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Auch andernorts setzen die Wirte auf Regionalität. „Junge Köche kommen nach Lehr- und Wandersjahren wieder zurück nach Linz, das macht sich jetzt bemerkbar“, erzählt Gabriele Müller vom Linzer Tourismusverband. Für regionale Küche stehen zum Beispiel das Restaurant Preslmayer oder der Wirt am Graben. Dessen junge Betreiber haben aktuell das Projekt „Küche am Graben“ ausgerufen. Dabei soll über Crowdfunding eine Küche zum Mieten finanziert werden, die als Gemeinschaftsküche und Workshopraum genutzt werden kann.

Ein anders junges Gastroprojekt ist Paul’s – Bar, Restaurant und Greißlerei zugleich. In eindrucksvoller Lage direkt neben dem Linzer Dom gelegen wird hier auf eine bunte, international-bodenständig gemischte Karte – von Fleisch bis zu Vegetarischem – gesetzt. Und seit Juli 2014 gibt’s in Linz sogar ein Salonschiff namens Fräulein Florentine. Die Betreiber des ehemaligen Alternativen-Treffpunkts „Rother Krebs“ sind auf ein Schiff umgezogen. Tagsüber ist Restaurantbetrieb, abends gibt’s nach wie vor Veranstaltungen.

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Die Linzer sind ziemlich einfallsreich …

  • Über die Dächer der Stadt spazieren heißt es jeden Sommer beim „Höhenrausch“. Das Projekt stammt aus dem Kulturhauptstadtjahr und kam so gut an, dass es jedes Jahr wieder weitergeführt wird.
  • Seit 2009 kann man außerdem für jeweils eine Woche im Turm des Mariendoms als Eremit wohnen – ebenfalls ein Überbleibsel von Linz09.
  • In der k.u.k. Hofbäckerei Josef Rath und der Konditorei Jindrak mieten sich ganze Gruppen zum Linzertorte-Backen ein.

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Wieder ist es der Verein Stadtwerkstatt, der unkonventionelle Ideen in die Tat umsetzt: Zum Beispiel das Kunstschiff Eleonore, auf dem seit Jahren „Artists in Residence“ vorübergehend Platz zum kreativen Schaffen finden. Oder den Gibling – eine Community-Währung, die gleichzeitig Kunstprojekt ist. Gemeinsam etwas Schaffen wollen auch die Betreiber des luft*raum in der Bethlehemstraße. Sie haben einen Raum ins Leben gerufen, den jedermann nutzen kann. Aktuell werden unter anderem ein Repair-Café und eine Nähküche angeboten.

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… und kreativ sind sie auch noch

Dass fängt bei von der Stadt finanzierten Projekten an und endet in der alternativen Szene. Die Linzer verbinden gerne Altes mit Neuem, zum Beispiel beim Anbau an das Linzer Schloss – der ist aus Stahl und Glas und beherbergt Museum und Restaurant. Über die Stadtgrenzen hinaus sind auch die zwei Eckpfeiler der Linzer Kultur bekannt – das Ars Electronica Center und das Kunstmuseum Lentos. Die Linzer wissen außerdem, wie man scheinbar Unbrauchbarem wieder neues Leben einhaucht. Prominentes Beispiel ist die ehemalige Tabakfabrik. Früher wurden hier in Fließbandarbeit Tschick produziert, heute tummeln sich Kreative in Coworking-Büros, Werkstätten und auf Bühnen.

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Und weiter geht’s: Wer mit dem Schiff donauabwärts fährt, sieht bunt bemalte Container im Winterhafen stehen. Unter dem Namen Boxx Office werden Bürocontainer günstig an Kreative, Musiker und Künstler vermietet.  Im Linzer Handelshafen finden jeden Sommer die Bubbledays statt – ein Hafenfest mit Streetart, Extrem-Sport und Live-Musik. Jedes Jahr bemalen dabei ausgewählte Künstler alte Hafengebäude mit überdimensionalen Kunstwerken. Nicht im Hafen, sondern im Herzen der Stadt hat sich das Kunstprojekt Raumschiff eingemietet. Studenten der Kunstuni haben den Raum eingerichtet, um in Austausch mit den Linzern zu gehen – bei Ausstellungen, Konzerten und im Design-Shop.

 

Weitere Tipps der Redaktion:

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  • Bei Frühstückern beliebt ist das Café Exx in der Klammstraße. Neben einem Wochenfrühstück gibt’s gefühlte Hundert andere Variationen – von Italienisch bis Vital. Oder man kreuzt einfach auf einem Zettel an, worauf man gerade Lust hat – von der Waffel bis zu warmen Tappas. Am Wochenende unbedingt vorreservieren!
  • Richtig gemütlich ist es im Café Strom, dem Café des Kulturvereins Stadtwerkstatt an der Donaulände. Viel Platz, viel Grünzeug, Tischfußball und ein kultiviertes Zeitungs-Angebot.
  • Das beste Eis der Stadt gibt’s beim Eisdieler an der Promenade. Der Inhaber stammt aus de Niederlanden und hat jetzt auch in Linz eine Filiale. Unbedingt bestellen: Stroopwafel und Mohn-Powidl.
  • Gut essen kann man auch in Restaurants wie dem Ursulinenhof, dem Gelben Krokodil (vegetarisch), in der Schlossbrasserie, bei den Donauwirtinnen oder im Fischerhäusl.
  • Es muss nicht immer die berühmte Einkaufsstraße, die Landstraße, sein! Wir haben uns in der Herrengasse (gleich neben dem Dom) so richtig wohlgefühlt. Hier tut sich einiges – neben Galerien gibt’s einen Vintage-Design-Laden, einen Shop für faire Mode und eine Mini-Genussboutique.
  • Auch im Klosterviertel und in der Altstadt tut sich einiges, viele Häuser werden saniert, viele Räumlichkeiten füllen sich mit jungen Kreativen. Vom Shop mit skandinavischem Design bis zum Teesalon. Bei Madame Wu kann man an einer Teezeremonie teilnehmen oder zum Afternoon Tea gehen.

Jahr für Jahr – Festivals in Linz:

  • Linz Fest (Frühsommer)
  • Crossing Europe Film Festival (Frühjahr)
  • Ars Electronica Festival (Herbst)
  • Pflasterspektakel (Sommer)
  • Linzer Klangwolke (Herbst)
  • Bubbledays (Sommer)

 

Offenlegung:

Wir waren im September 2014 zwei Tage lang auf Einladung von Linz Tourismus in Linz unterwegs. Meinungen, Bilder und Texte sind wie immer „hausgemacht“.

Noch mehr Linz gefällig? Das schreiben reisebloggerin.at, wiederunterwegs.com, creativelena.com, diekremserin.blogspot.com und travelwriticus.com über die Stadt an der Donau.