Schwarze Zitronen, das ist ein Widerspruch in sich. So ist das vielleicht auch mit dem Leben, mit dem Reisen, mit dem Krieg, mit der Freundschaft.

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Das Geräusch, wenn die Schere die nassen Haare durchschneidet. Ratsch. Ratsch. Der prüfende Blick des Frisörs. Ratsch. Ratsch. Small Talk beim Haareschneiden, das scheint im Irak nicht üblich zu sein. Der Meister will sich auf sein Werk konzentrieren. In der einen Hand die Sprühwasserflasche, in der anderen die Schere. Mit der hantiert er vor meinem Gesicht herum. Aber er geht behutsam vor. Strähne für Strähne.

Ein bunter Basar

Es ist still um uns, bis aufs Scheren-Geratsche. Ich schließe die Augen, stelle mir den Basar draußen vor. Auberginen, Granatäpfel, Fladenbrot. Säcke voller Pistazien, orientalische Gewürze. Aus einem Hinterhof dringt Musik, das schallende Lachen von Kindern. Händler rattern gebetsmühlenartig ihr Warenangebot herunter. Manchmal öffne ich die Augen einen Spalt weit, blinzle durch das nasse, glatt gekämmte Haar. Mein Frisör schaut angestrengt drein. Ruhig und bedacht führt er seine Arbeit aus, dazwischen wieder der prüfende Blick.

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Es riecht nach heißem Fett. Im Ofen schmoren Hühnerschenkel. Die Pfanne ist am Boden schon fast schwarz vor Hitze. Am Herd steht ein Kochtopf mit dampfendem Reis. In die mit Öl befüllte Pfanne drapiert mein irakischer Freund selbst gerollte Falafel, Bällchen aus Kichererbsenmehl. Stück für Stück. Er hat die Ruhe weg. Ist ganz auf das brutzelnde Fett konzentrieren. Reden, das scheint im Irak während des Kochens nicht üblich zu sein. Am Tisch steht schon eine Schüssel mit Salat. Wir nehmen auf zwei Holzstühlen Platz.

Bollywood auf Arabisch

Im Hintergrund läuft arabisches Fernsehen. Es ist so ganz anders, als vermutet. Kaum verschleierte, dafür stark geschminkte Frauen werfen jungen Männern verliebte Blicke zu. Bollywood auf Arabisch. Der nächste Sender zeigt scheinbar eine arabische Sitcom. Im Vorspann ist ein älterer Mann mit Kufiya zu sehen, dem irakischen Kopftuch. Er hat ein Smartphone in der Hand. Lächelt, macht ein Selfie, während eine fröhliche Melodie abgespielt wird. „Welches Land macht das beste Fernsehen?“, frage ich meinen Bekannten. „Syrien“, sagt er. Um gleich darauf gedankenverloren zu schweigen. Jetzt, wo dort Krieg herrsche, werde das syrische Fernsehen wohl im Ausland produziert, fügt er an.

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Wir sitzen noch immer beim Essen, noch eine Falafel und noch eine. Im Reis sind ein paar dunkle, runzlige Zitronen versteckt. „Wie konnte er die so verkohlen?“ denke ich und schiebe sie mit der Gabel an den Tellerrand. Mein Bekannter bemerkt es. „Du kannst sie ruhig essen, das sind schwarze Zitronen“, sagt er. Ich lass’ es lieber. Und führe das Gespräch fort. „Wie viele Geschwister hast du?“ „Neun“, entgegnet er. „Familie ist das Allerwichtigste im Irak.“ Er zeigt mir Familienfotos, Gruppenbilder, Fotos von einem Mann mit Kufiya am Kopf, der auf einem Teppich hockt. „Das hier ist mein Onkel.“ Er selber, sagt er, möchte auch einmal Kinder haben. Er verstehe nicht, warum sich in Europa viele Paare schon nach ein paar Jahren wieder trennen würden. „Man muss doch miteinander reden, wenn man Probleme hat.“ „Ja“, begegne ich. Und denke: „Du kommst doch aus einem Land, in dem die Mehrheit der verheirateten Frauen laut Menschenrechtsberichten von den Männern massiv kontrolliert werden. Was bedeutet das wohl – miteinander reden – in deinem Land?“

Wie zwei Fremde

Nach dem Essen gehen wir spazieren. Ab und zu unterhalten wir uns. Dazwischen trotten wir Minuten lang schweigend durch die Straßen. Wir laufen wie Fremde nebeneinander her. Eigentlich sind wir das ja auch. Beim Spaziergang viel zu sagen, möglicherweise ist das im Irak nicht üblich. Mein Freund zeigt mir einen türkischen Laden. Eine Halal-Fleischerei. Und ein afghanisches Geschäft. In einem Regal liegen Plastikpäckchen mit kleinen, schrumpeligen, schwarzen Zitrusfrüchten. Genau solche, wie sie vorher im Reis vergraben waren. „Getrocknete schwarze Zitronen“, sagt mein Freund. „Doch nicht verkohlt“, denke ich. Später schlage ich nach: Die kleinen, reifen Früchte des Limettenstrauchs werden in Salzwasser gekocht, danach in der Sonne gedörrt und als Gewürz verwendet. Streng genommen sind das also gar keine Zitronen. Streng genommen sind die meisten Dinge anders, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

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Meine Reise in den Irak ist zu Ende. Ich habe Menschen kennengelernt, etwas über die dortige Lebensweise erfahren. Ich habe irakisches Essen probiert. Und nicht über, sondern auf den Tellerrand geblickt. Dorthin wo ich die schwarzen, schrumpeligen Zitronen geschoben hatte. In Wirklichkeit hat mich meine Reise in den Irak nie aus der eigenen österreichischen Stadt geführt. Ich bin in kein Flugzeug gestiegen, nur in den Linienbus. Ich habe einen Tag mit meinem irakischen Bekannten verbracht. In Salzburg. Er ist Flüchtling. Und er ist Frisör. Er hat für mich gekocht und sich vehement gewehrt, als ich abwaschen wollte.

Ein Widerspruch in sich

Er hat mir gezeigt, wo man in Salzburg die schwarzen runzeligen Zitronen kaufen kann. Im Nahen Osten nennt man sie „Loomi“, auch das habe ich später nachgeschlagen. Für ihn sind sie ein Stück Vertrautheit abseits der verlassenen Heimat. Für mich sind sie ein Fremdkörper, etwas, das es so nicht geben sollte. Schwarze Zitronen, das ist ein Widerspruch in sich. So ist das vielleicht auch mit dem Leben, mit dem Reisen, mit dem Krieg, mit der Freundschaft. Nichts ist so wie es scheint. Wir konstruieren uns unsere eigene Wirklichkeit. Wenn wir mit gelben Zitronen aufgewachsen sind, dann machen uns schwarze Zitronen stutzig.

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An einem anderen Tag lese ich eine von Gudrun Harrers politischen Analysen im STANDARD. Es geht um den Kurden-Konflikt. Und um den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Auch um den innerschiitischen Konflikt. Und um den Islamischen Staat. Was all diese Begriffe wohl für meinen Bekannten bedeuten? Mein Irak, das waren bisher Wörter und Bilder rund um Religionskonflikte, Gewalt, Unsicherheit. Sein Irak, das war ein Frisörladen, das waren seine vielen Geschwister. Gewürzreis mit schwarzen Zitronen. Frittierte Kichererbsenbällchen. TV-Serien in einer Sprache, die er versteht.

Ewiges Warten

Warum genau ist er hier in Österreich? Was macht ihm Angst? Was erhofft er sich von einem neuen Leben in dieser teuren, protzigen Stadt? Wird er hier ohne seine Familie glücklich sein können oder einfach nur einsam? Jeden Tag läuft er in Salzburg zum Briefkasten. Wird der Bescheid der Asylbehörde heute ankommen? Das Warten, sagt er, sei sehr sehr schwierig. Dass er so offen über sein Befinden redet, damit habe ich nicht gerechnet. Vielleicht ist das aber so üblich im Irak. Oder er hat längst eine unsichtbare Grenze überschritten, muss sich mitteilen, um innerlich nicht zu zerbrechen. Ich wünsche ihm, dass ihm die Asylbehörde bald einen positiven Bescheid schickt. Aber ich ertappe mich dabei, mir selbst die Frage zu stellen, ob sein Leben vielleicht anderswo glücklicher verlaufen würde. Dort, wo die schwarzen Zitronen wachsen.