Vorweg: Belgrad ist auf jeden Fall eine Reise wert – alleine schon wegen des Sonnenuntergangs am Burgberg. Was wir in Gesprächen mit Menschen erlebt haben, werten wir nicht als gut oder schlecht. Wir sehen es als Anstoß zum Denken an, die Welt auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

****

 Sonnenuntergang am Burgberg

Die Alten sitzen beim Schach, die Jungen auf dicken Mauern, in der Hand eine Bierdose. Hier oben, am Beldgrader Burgberg Kalemegdan, spielt sich das Leben ab, während unten die Hochhäuser von Novi Beograd zu einem blauen Brei verwischen. Die Sonne gibt noch einmal ihr bestes, bevor sie sich gleißend vom Tag verabschiedet. Jetzt ist die Zeit der Liebespaare gekommen. Hand in Hand spazieren sie, sitzen auf Bänken, auf Schößen, schmusen innig und vergessen die Welt rund um sich. Der Blick über die Stadt ist jetzt schwarz eingefärbt, nur die Lichter der Häuser, Straßenlaternen und Brücken geben ein Gefühl von Aufbruchstimmung. Zeit, um in die Tiefen der Belgrader Nächte einzutauchen.

Geheimtipp bei Weltreisenden

Die serbische Hauptstadt ist mittlerweile berühmt für ihr tosendes Nachleben, die vielen Clubs, die Partyboote auf der Donau. “Die Clubszene in Belgrad ist nur durch die Vorstellungskraft und die begrenzten Stunden eines Tages eingeschränkt“, schreibt etwa der Reiseführer Lonely Planet. Während viele Europäer noch immer das Bild der im Krieg zerbombten Stadt im Hinterkopf haben, ist die serbische Hauptstadt längst als Geheimtipp bei Rucksacktouristen und Weltreisenden von Australien bis Amerika angesagt. Wer etwa in den Club Mr. Stefan Braun will, braucht ohne Reservierung gar nicht erst zu kommen. Drinnen Gehämmere, Getöse, Lichterwirrwarr. Wir entscheiden uns für die softe Variante, treffen uns mit Travellern und Einheimischen, lassen uns treiben.

Federal Association of Globe-Trotters

Alles, nur keine Bar, scheint das “Federal Association of Globe-Trotters” zu sein: Ein stinknormales Stadthaus, ein großes schwarzes Tor. Keine riesige Leuchtreklame, nur Treppen, die in den Keller führen. Erst wenn man in das Labyrinth aus Räumen eintritt, kommt ein heimeliges Gefühl auf: Wild wuchernde Pflanzen, zusammengewürfelte Möbel, abgedunkelte Lampen und Kerzen. Also doch eine Bar. Gegründet wurde sie von Mirko Stankovic in der Zeit, als Serbien durch den Balkankrieg vom Rest der Welt isoliert war. Es sollte ein Ort sein, an dem man sich frei fühlen kann, an dem die ganze Welt zusammenkommt.

Nationalisten im Viertel Skadarska

Ein Stück weiter weg liegt das bei Touristen beliebte böhmische Viertel Skadarska: Kopfsteinpflaster, Künstleridylle, traditionsreiche, überteuerte Kost. In der Roten Bar trifft sich das jüngere Publikum, hier gibt’s englische Live-Musik und Cocktails. Ein Stück weiter unten geht es traditioneller zu. Eine Band wandert spielend und singend von Tisch zu Tisch, die Stimmung ist aufgeheizt. Wir finden uns in einer Grupe junger Nationalisten wieder. Während sie uns mit Rakija und Bier zuprosten übersetzen sie, was der ganze Raum lauthals mitschreit: Es sind Lieder über den zweiten Weltkrieg, die Nicht-Anerkennung des Kosovo, gegen die USA. Es wird geklatscht, gejohlt, sich auf die Schenkel geklopft.

„Wir hassen Amerika“

Die Burschen geben sich als Nazis, Kriminelle und Hooligans aus. “Wir hassen Amerika, wir hassen Obama, wir hassen Deutschland und Österreich”, ruft uns einer entgegen. “Gegen euch haben wir nichts, aber gegen eure Politik”, sagt ein anderer beschwichtigend. Als die NATO 1999 Militäreinrichtungen in Serbien bombardierte, waren auch deutsche Flugzeuge dabei. Und nachdem sich der Kosovo 2008 als unabhängig erklärte, kannten viele Staaten diesen Status an – darunter Österreich und Deutschland. Für viele Serben ist die Unabhängigkeit eine Farce, weil der Kosovo schon immer von serbischer Kultur geprägt gewesen sei.

“Geld ist Geld”

Der Typ mit dem schwarzen Pro-Russland T-Shirt ist weniger betrunken als die anderen und zur Diskussion bereit. Er spricht vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien, dem der Westen häufig Serbien die alleinige Schuld zuweist. “Ihr wisst nicht wie das ist, meine Cousins sind gestorben, ich war inhaftiert.” Und jetzt sei die Situation “einfach nur beschissen”. 200 Euro verdiene er im Monat. “Für euch ist alles billig wenn ihr hierher kommt, aber wir können uns nichts leisten.” Jeder hier wolle auswandern. Wohin, fragen wir. “Nach Amerika”, schießt es aus ihm heraus. Wir dachten, du hasst die USA und ihre Politik? Seine Antwort: “Geld ist Geld”.

Flaggen und T-Shirts mit serbischer Flagge

Ein beklemmendes Gefühl, an einem Ort des Vergnügens mit so viel Fremdenfeindlichkeit beschleudert zu werden. Das frühere serbische Großreich ist auch im Stadtbild allgegenwärtig. Überall werden Flaggen und T-Shirts angeboten. Mit wem man auch spricht, Kosovo und Montenegro erkennt hier niemand als eigenständig an. Und obwohl Serbien eine Stadt wie jede andere ist – Shops, Cafés und das legendäre Nachtleben – wird man das Gefühl nicht los, dass viele Leute noch ziemlich viel Wut im Bauch haben.

Teures Leben – Hauptsache weg

Dass das Geld zu knapp ist und jeder weg will, erzählen uns viele. Die Taxifahrer, die Studenten, sogar unsere Verabredung Katarina, die wir am nächsten Tag treffen. Sie hat studiert, einen sicheren Job in einem Verlag, der ihr 300 Euro pro Monat bringt. Bei den vielen Cafés und Bars, den Hochglanzboutiquen in der Innenstadt fragt man sich: Wie kann man sich das Leben hier leisten? “Viele Leute nehmen Kredite auf, die sie laufend abbezahlen”, erklärt Katarina. Wer einmal etwas mehr Geld auf der Seite hat, welchselt die lokale Währung Dinar in den wertvolleren Euro um. Daher überall die Wechselstuben. Die Leute laufen in den Einkaufsstraßen herum um gesehen zu werden, nicht um zu shoppen, erzählt die Mitt-Dreißigerin. Viele junge Leute teilen sich Wohnungen, um finanziell über die Runden zu kommen. Und Korruption, ja Korruption sei allgegenwärtig. Zum Beispiel im Alltag, auf Ämtern und Behörden.

Oben, im Underground-Club

Die nächste Nacht. Die Clubszene lassen wir wieder links liegen. Stattdessen stolpern wir aufwärts (ja, sowas geht) ins Zica, einen Underground-Club. Von außen unscheinbar, innen dunkel und stickig. Heute spielt die Band Worldly Savages. In London war es der Truppe zu teuer, in Belgrad lässt es sich als Musiker besser leben. Ost-Punk auf Englisch. Wir nehmen uns an den Händen, tanzen, klatschen, johlen, schwitzen. Leben pur. Auch Einheimische sind gekommen. Viele verstehen gar nicht, warum wir uns ihre Stadt anschauen wollen. Sie träumen von Paris oder London. Auch sie wollen hier weg.

Bier und gute Gespräche unter der Brücke

Nach dem Konzert machen uns mit Milos, seinem Bruder und ein paar anderen auf zur Brankov Most Brücke. Oben die dunkle Stadt, unten das grelle Licht der Brückenbeleuchtung. Irgendjemand holt Bier in Plastikflaschen, alle zahlen mit. Wir stoßen an, auch Milos erzählt, dass die meisten Leute am liebsten auswandern würden. “Hier macht es keinen Sinn, sich reinzuhängen.” Fast der gesamte Verdienst gehe für die Wohnung drauf. Er selbst habe Glück, verdiene als Informatiker gar nicht so schlecht. Milos ist ein Beobacher, einer, der sich viele Gedanken macht. An sich selbst, an anderen, am Leben zweifelt. Viele Serben, sagt er, wollten seiner Meinung nach nicht arbeiten, das sei eben die Mentalität hier.

Alte Fabrik als Musikclub

Ortswechsel. Das Bigz ist eine alte Farbenfabrik, die heute als Büroraum, Musikclub, Künstleratellier, Capoeiraschule, Kulturzentrum und vieles mehr genutzt wird. Der graue, mehrstöckige Betonklotz ist alles andere als das, was man sich unter einem In-Lokal vorstellt. Trotzdem: Einheimische Nachtschwärmer versammeln sich hier in Scharen.

Abgefucktes Szene-Lokal

Wir fahren mit einem alten Lastenlift hinauf in eines der höheren Stockwerke, taumeln durch breite Gänge, mit Graffitti beschmierte Räume. Wenn man einen Club als abgefuckt bezeichnen kann, dann wohl diesen. Hinter jeder Tür hämmert Musik. In dem kleinen Zimmer, in das wir uns verirrt haben, wird Raggea aufgelegt. Irgendwann bringt eine Polizeirazzia alle in Aufruhr, aber nichts passiert. Wir verschwinden lieber. Am Weg nach Hause zeigt der Taxler auf ein zerfallenes Gebäude: ein im Krieg zerbombtes Ministerium, nicht wieder aufgebaut. (Maria Kapeller, September 2013, kofferpacken.at)