„Wir waren schon immer ein bisschen anders“, diesen Satz hört man oft in Thüringen. Anders sein, das heißt aber auch: interessant sein.

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Was macht man mit einer 800 Jahre alten Burg, die so verfallen ist, dass sie keiner kaufen will? Irgendwo mitten in Deutschland, in Thüringen, ehemalige DDR. In der näheren Umgebung das Saaletal, Wiesen, Schäfer mit ihren Herden, Weinreben, die Universitäts-Stadt Jena. Und Porzellan, viel Porzellan. Das wird in der Gegend schon seit jeher produziert.

Also, was tun? Genau diese Frage stellte sich Sven-Erik Hitzer, Pächter der Burgschänke Leuchtenburg. Er tüfelte. Und tüfelte. Bald war klar: Das Gebäude muss erhalten bleiben, aber nicht einfach irgendwie. Nicht eine weitere Pseudo-Mittelalter-Burg mit gefakten Minnesängern und Infotafeln, die an den Wänden verstauben. Nein, es muss etwas sein, das hier in dieser Gegend niemand erwarten würde.

Porzellanwelten Leuchtenburg bei Jena

Interaktives Museum: In den Porzellanwelten Leuchtenburg können Besucher probieren, selbst Porzellan zu mischen.

 

Ausstellung in den Porzellanwelten Leuchtenburg

Die Produktion von Porzellan hat in Thüringen lange Tradition.

Es IST etwas, das niemand erwarten würde: Hitzer gründete eine gemeinnützige Stiftung, um die Burg zu retten. Dann tingelte er mit seinem neuen Team im VW-Bus durch Europa. Zur Inspiration. Schauen, was andere in ähnlichen Situationen gemacht hatten. Wieder daheim ging’s an die Arbeit. Die Vision: Das Alte mit dem Neuen verbinden. Das, was schon immer typisch für die Gegend war, neu in Szene gesetzt: Porzellan. Farbenprächtig, opulent, interaktiv. Das sind die Porzellanwelten Leuchtenburg heute. Die kleinste Kaffeekanne und die größe Keramikvase der Welt sind hier ausgestellt. Und am Ende der Ausstellung, da dürfen sich Besucher wie ein Elefant im Prozellanladen aufführen und am „Weg der Wünsche“ Teller zertrümmern. Scherben bringen schließlich Glück.

Weg der Wünsche in den Porzellanwelten Leuchtenburg

Wunsch aufschreiben und Teller in den Abgrund werfen – der “Weg der Wünsche” in der Leuchtenburg.

 

Weimar, Stadt der Freigeister

Ortswechsel. Weimar. Das ist die kleine Uni-Stadt an der Ilm, wo sie alle gelebt haben: Goethe, Schiller, und wer weiß noch. Den kreativen Geist, das Andersartige, hat sich die Stadt bis heute bewahrt. „Es gab immer schon unglaublich viele Eigeninitiativen, die nicht gegängelt worden sind und sich deshalb entwickeln konnten“, sagt Gästeführerin Svea Geske. Weimar war wirtschaftlich nie wichtig, Freigeister konnten sich hier niederlassen, ohne in die Schranken gewiesen zu werden. „Die Weimarer haben schon immer gesponnen“, heißt es. Heute spaziert man an kleinen Cafés vorbei und an Läden, die Design-Studenten der berühmten Bauhaus-Universität eröffnet haben.

Keramikladen moccarot in Weimar

Bettina Jörgensens, studierte Architektin, in ihrem Keramikatelier moccarot in Weimar.

Vasen im Keramikatelier moccarot in Weimar

Vasen im Keramikatelier moccarot in Weimar

Marktplatz in Weimar

Markt im Thüringer Weimar

Wer über das Kopfsteinpflaster wandelt oder den Park an der Ilm entlang spaziert, vorbei an Goethes Gartenhäuschen, fühlt sich seltsam zwischen Heute und Gestern, zwischen Raum und Zeit versetzt. Überall ein Hinweis auf einen längst verstorbenen Dichter oder Künstler, ständig zitiert oder erwähnt irgendjemand den großen Literaten Goethe. Man hat das Gefühl, hier ist auf seine Art und Weise jeder ein Dichter – vom Kellner bis zum Taxifahrer. Wortgewandt und geistreich sind die Gespräche, gehen schnell ins Philosophische. Sogar das Einkaufszentrum Atrium schaut von außen aus, als sei es eine große Kunsthalle. Wer Frischluft braucht, radelt hinaus ins Grün, vorbei an Weizenfeldern und Kirschbäumen. Da, wo einst Goethe auf seinem Gaul ausgeritten ist.

Goethes Gartenhaus in Weimar

Goethes Gartenhäuschen in Weimar

Umgebung von Weimar

Goethe nannte die Umgebung von Weimar die “deutsche Toskana”.

Natürlich ist das alles reine Nostalgie. Goethe & Co. sind lange nicht mehr da, was von ihnen blieb, ist die Hochkultur. Aber es gibt auch eine alternative Szene, die sich nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch engagiert. Zum Glück, sagt Stadtführerin Geske. Die Alternativen brauche man hier, als Gegenwind zu Thüringens rechtsextemer Bewegung.

Protest der alternativen Szene am Hintereingang des Bauhaus-Museums

Protest der alternativen Szene am Hintereingang des Bauhaus-Museums

 

Erfurt, Stadt der Handwerker

Wieder ein Ortswechsel. Auch auf der Krämerbrücke in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt hat schon immer ein kreativer Geist geherrscht. Seit Jahrhunderten zieren Fachwerkhäuser die längste durchgehend mit Häusern bebaute und bewohnte Brücke Europas. In ihnen untergebracht waren einst Krämerläden, in denen Händler ihre Handwerkskunst verkauften – daher der Name. Heute sorgt ein Verein dafür, dass statt Touristen-Kitsch nach wie vor Handgemachtes über die Ladentische geht. Ateliers, Keramikgeschäfte, handgeschöpfte Schokolade. Und Ideenreichtum: „Die sehr kleine Galerie“ ist wirklich winzig und verkauft jeden Tag ein neu veröffentlichtes Gedicht um 2,50 Euro.

Krämerbrücke in Erfurt

Die Krämerbrücke in Erfurt ist die längste durchgehend mit Häusern bebaute und bewohnte Brücke Europas.

 

Tanzfest Danetzare in Erfurt

Tanzfest Danetzare in der Erfurter Altstadt

Querdenker gibt es in Thüringen also genug. Nur bei der Bratwurst wollen die Thüringer alles so beibehalten, wie es schon immer war. Deshalb ließen sie sich die geografische Angabe „Thüringer Bratwurst“ sogar schützen. Bratwurst geht immer und überall. In Erfurt isst man sie mit Bornsenf, im Thüringer Wald schmeckt sie ohne und in Weimar kommt sie in ein kleines, rundes Brötchen, wo sie links und rechts weit herausschaut.

Thüringer Bratwurst

Schaut hinten und vorne aus der Semmel raus: Thüringer Bratwurst to go.

Wer auf die Teller in den vielen Gastgärten Erfurts schaut, sieht nicht selten Thüringer Klöße darauf liegen. Traditionell sind die Kartoffelknödel ungefüllt, nur ein Stück gerösteter Semmelwürfel steckt in der Mitte. Im Gasthaus Köstritzer „Zum güldenen Rade“ werden die Knödel aber auch mit Spinat, Bärlauch und Leberwurst gefüllt – je nachdem, was die Saison hergibt.

Thüringer Klöße

Der Küchenchef des Restaurants Köstritzer „Zum güldenen Rade” verrät, wie echte Thüringer Klöße gekocht werden.

Die Oma im Schallplatten-Laden

Zu DDR-Zeiten verlief die innerdeutsche Grenze auch zwischen Thüringen und Bayern. Niemand durfte sie passieren. Nur Pensionisten, die die Regierung als harmlos betrachtete, hatten Zugang in den Westen. So wurde ungewollt das unkonventionelle Denken gefördert: Wer Schallplatten mit Rock- oder Popmusik hören wollte, schickte einfach regelmäßig die Oma in den Plattenladen auf der anderen Seite der Grenze. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

 

Koffer packen und los geht’s:

Anreise:
Thüringen ist in rund vier Stunden mit dem ICE direkt von München aus erreichbar. Flug entweder nach Leipzig oder Frankfurt am Main, dann weiter mit dem Zug oder Mietwagen. Oder Anreise mit dem eigenen Auto – von Wien nach Erfurt sind es rund 600 Kilometer.

Kultur:

  • Porzellanwelten Leuchtenburg bei Jena
  • Kulturstadt Weimar: Viele Gebäude in Weimar zählen zum Welterbe der UNESCO. Einen Besuch wert sind zum Beispiel Goethes und Schillers Wohnhaus, das Stadtschloss Weimar, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek oder die Bauhaus-Universität.
  • Landeshauptstadt Erfurt: Noch bis 26. Juli 2015 finden die DomStufen-Festspiele 2015 statt, aufgeführt wird „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Die jüdische Synagoge ist die älteste Synagoge Mitteleuropas.

Natur:

  • Wandern am Rennsteig, ein 170 Kilometer langer Wanderweg, der teilweise durch den Thüringer Wald führt.
  • Radfahren – zum Beispiel entlang des Ilm-Radweges. Mario Hirt bietet mit seiner Firma Travel Butler geführte Rad- und E-Bike-Touren in und rund um Weimar und Thüringen an. Kontakt und Buchung: www.radfahren-in-thueringen.info

Offenlegung:
Wir waren im Juli 2015 auf Einladung der Thüringer Tourismus GmbH fünf Tage lang in Thüringen unterwegs. Meinungen, Bilder und Texte sind wie immer „hausgemacht“.