Im Schnitt besuchen 80.000 Menschen pro Tag das Taj Mahal. Und doch findet jeder seine eigene Ruhe und nimmt ein Stück Ewigkeit mit nach Hause.

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Die Menschen drängeln und schupsen, Inderinnen in bunten Saris wuseln links und rechts vorbei und das Klicken von Fotokameras ist wie ein Dolby Surround Sound zu hören. Reisegruppen sammeln sich hinter dem dunkelroten Eingangsgebäude und noch während deren Guides die Fakten herunterbeten, schweifen die Blicke der Besucher ab. Vor ihnen, am Ende einiger blitzblauer Pools, wölbt sich ein Kunstwerk aus weißem Marmor am Flussufer des Yamuna: das Taj Mahal im nordindischen Agra.

Es ist schwer, die Augen von diesem Grabmal abzuwenden. In perfekter Symmetrie überwacht das Mausoleum mit den vier Minaretten das Flussufer. Fast wie in Trance steigt man die Stufen des Podestes hinab, um sich dem strahlenden Bauwerk zu nähern. Entlang der Wasserbecken pilgern die Menschen alle in dieselbe Richtung. Stets mit den bunten Saris und Panjabis in den Augenwinkeln, geht es weiter, immer in eine Richtung, den Blick nie abgewendet. Wie auf einer Postkarte – nein, besser – wie eine Fatamorgana steht es da. Unumstößlich und selbstbewusst.

Traurige Liebesgeschichte

Am unteren Ende des Sockels ziehen die Besucher die Schuhe aus oder stülpen sich weiche Schoner über die Schuhe, um den Marmor des Monuments nicht zu zerstören. Es wäre eine persönliche Tragödie, hier einen Kratzer für die Ewigkeit zu hinterlassen. Die Ewigkeit. Sie hängt in der Luft, wie die Legende von Großmogul Shah Jahan und seiner Lieblingsfrau Mumtaz Mahal. Bei der Geburt ihres 14. Kindes verstarb sie im Jahr 1631 und wünschte sich mit letzter Mühe ein Grabmal, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. In großer Trauer machte sich Shah Jahan auf die Suche nach der perfekten Ruhestätte für Mumtaz. Am Ufer des Yamuna Flusses in Agra wurde er fündig, ein Platz, den er auch vom roten Fort stets im Auge behalten konnte. 22.000 Menschen bauten 22 Jahre an dem Mausoleum, nur die feinsten Materialien rund um den weißen Marmor wurden verwendet. Die vier Minarette bilden einen Rahmen für das Grab – sie neigen sich leicht nach außen, um bei einem Erdbeben nicht auf Mumtazs Ruhestätte zu fallen. Ein ausgeklügelter Plan.

Die Ewigkeit umgibt das Mausoleum von Mumtaz. Die Ewigkeit umgibt das Mausoleum von Mumtaz Mahal.

Die Ewigkeit umgibt das Mausoleum von Mumtaz. Die Ewigkeit umgibt das Mausoleum von Mumtaz Mahal.

Ewige Trauer

Auf der anderen Seite des Flusses plante Shah Jahan sein eigenes Grabmal, welches das Taj Mahal spiegeln und in schwarzem Marmor bis in die Ewigkeit ein Gegenpol sein sollte. Mit einer silbernen Brücke wollte er die beiden Mausoleen verbinden lassen, sodass er sich nach seinem Tod mit Mumtaz im Mondlicht treffen könnte. Doch sein Sohn putschte ihn vom Thron und sperrte ihn im roten Fort ein – ohne Blick auf das Taj Mahal. Mit Hilfe eines geschliffenen Edelsteines verschaffte sich der trauernde Shah ab und an einen Blick auf die ewige Residenz seiner geliebten Mumtaz. Nach seinem Tod wurde auch er dort begraben.

Weiße Pracht in Marmor

Der weiße Marmor reflektiert die Sonne und bündelt sie in einer gewaltigen Macht. Die Hitze und die Sonnenstrahlen prallen direkt an den Mauern, am Boden und den Minaretten ab. Die Augen werden zusammengekniffen, um den Umfang des Mausoleums schemenhaft zu erahnen. Drinnen ist es fast dunkel. Die acht Ecken stehen für die acht Bücher des Korans, die umgedrehte Lotusblüte auf dem Zwiebelturm steht für den Tod. Ein Bauwerk für die Ewigkeit. Für eine ewige Liebe. Und den ewigen Schmerz. Nun brennt sich die Silhouette des Taj Mahal in die Netzhaut der Besucher, ob sie es wollen oder nicht. Die Sonne strahlt unbarmherzig auf den weißen Marmor, die Augen schmerzen und dennoch kann man den Blick nicht abwenden. Es ist wie ein Bann, den die Ewigkeit hier präsentiert. Und den der Besucher bei jedem Schritt, den er sich vom Grabmal entfernt, spürt. Manche Besucher gehen rückwärts, wohl um nichts zu verpassen und um sicherzugehen, diesen Anblick nie zu vergessen. Der Bann des Taj Mahal lässt einen erst los, wenn man sich umdreht. Dann ist es Erinnerung. Für die Ewigkeit. (Daniela Nowak, kofferpacken.at)

 

Koffer packen und los gehts!

* Sicherheit. Ins Taj Mahal darf man nur nach einigen Sicherheitschecks – Lebensmittel, Wasser, Kaugummi, Zigaretten und Feuerzeuge dürfen nicht mit zum Mausoleum geführt werden. Der Eintritt kostet für internationale Besucher 750 Rupien (rund 11 Euro), für Inder ist der Preis niedriger.

* Reinigung und Erhaltung. Das Taj Mahal wurde in seiner über 300-jährigen Geschichte nur ein Mal gewaschen. Trotz vermeintlicher Luftverschmutzung aus der umliegenden Industrie strahlt der weiße Marmor wie neu.

* Luftverschmutzung. Um die Luftverschmutzung zu analysieren, wurde in Agra ein “Air Pollution Monitoring Laboratory” eingerichtet. Fahrzeuge dürfen nicht näher als zwei Kilometer an das Areal, weshalb die meisten Touristen die letzte Etappe per Pferdekutsche oder zu Fuß antreten.