Das Paradies in Panama auf einer einsamen Insel? Nichts wie hin! Doch die Reise dorthin ist nicht so einfach, wie gedacht.

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An der Karibikküste Panamas befindet sich die autonome Inselgruppe San Blás mit dem Stamm der Kuna Yala.

An der Karibikküste Panamas befindet sich die autonome Inselgruppe San Blás mit dem Stamm der Kuna Yala.

Ein Besuch in San Blás, einer indigenen Inselgruppe an der Karibikküste Panamas, bestehend aus knapp 400 Inseln, steht auf dem Plan. Paradiesisch soll es dort sein. Kleine, einsame Inseln mit Bambushütten, privaten Stränden und weit und breit keine Straßen und Menschenmassen. Auch besonders an dieser Inselgruppe ist die autonome Verwaltungsform. Die Kuna Yala konnten sich trotz stetem europäischen Einfluss ihre eigene Verwaltung, Sprache und Kultur bewahren, sodass sie dieses Juwel heute den Besuchern aus aller Welt zeigen wollen. Nichts wie hin!

Ratlose Gesichter und Händefuchteln

Nach dem Gewitter tauchen die scheuen Sonnenstrahlen die einsamen Inseln in kitschiges Licht.

Nach dem Gewitter tauchen die scheuen Sonnenstrahlen die einsamen Inseln in kitschiges Licht.

Doch selbst in Panama City weiß man vielerorts nicht, wie man in dieses versteckte Paradies gelangt, dennoch scheint jeder begeistert von der Idee, die Inseln zu besuchen. „Am besten ihr fahrt nach Colón. Von dort aus gehen Fähren nach San Blás. Ihr werdet es dort lieben, es ist das Paradies!“ Gesagt getan. Doch plötzlich steht man in der gefährlichsten Stadt Panamas, wo sich sogar die Busfahrer um die Touristen sorgen. Die weitere Recherche nach dem Weg ins vermeintliche Inselparadies der Kuna Yala gestaltet sich kompliziert. Die Panameños inklusive Rezeptionistin, Taxifahrer und lokalen Internetseiten können oder wollen keine Auskunft geben. Es wird diskutiert, wild mit den Armen gefuchtelt, auf die Uhr gezeigt und mit der Hand mögliche Wege in die Luft gezeichnet. Eine letzte Idee: ein Reisebüro.

Irrwege im Reisebüro

Check-in in die kleinen Bambushütten - "einsame Insel"-Feeling inklusive.

Check-in in die kleinen Bambushütten – “einsame Insel”-Feeling inklusive.

Die erschreckende Neuigkeit im Reisebüro: „Die einzige Möglichkeit, von Colón nach San Blás zu gelangen, ist zum Hafen zu gehen und ein kolumbianisches Piratenschiff zu fragen, ob sie euch mitnehmen. Die segeln dort vorbei, vielleicht habt ihr Glück!“ Glück? Piraten? Aus Kolumbien? Doch lieber die pauschale Buchungsvariante. Aber so einfach ist das nicht. „Ihr müsst zurück nach Panama City und von dort mit dem Flugzeug nach San Blás. Es wird euch gut gefallen, es ist paradiesisch dort!“ In Ordnung. Dennoch muss man dafür tief in die Tasche greifen: 300 Dollar für ein obligatorisches Package. Ohne das, kommt man nirgends hin.

Palmen säumen die Strände der kleinen Inseln von San Blás.

Palmen säumen die Strände der kleinen Inseln von San Blás.

Dann eben zurück nach Panama City. Am Flughafen wiegt man die Reisenden selbst inklusive Gepäck, die dann einen saftigen Aufpreis bezahlen – entweder für zu viel Gepäck, oder für den Winterspeck. Inklusive Gepäck sind nämlich nur etwa 75 Kilogramm erlaubt. Ein Kontaktformular für den Fall, dass die Maschine abstürzt, wird einem gereicht, bevor man die Plastik-Boardkarte in die Hand gedrückt bekommt und in einem Wartehäuschen Platz nimmt. Was nimmt man nicht alles in Kauf für das Paradies …

Bei einem heftigen Gewitter steigt das Flugzeug mit weniger als zehn Sitzen empor und rumpelt durch den dunklen Himmel. In der Ferne ist in Grau die Küste erkennbar, sonst nur Regenwald unter den Passagieren. Im Senkflug sieht es aus, als würde das Flugzeug auf dem offenen Meer landen, doch schnell eine Kurve und es bleibt neben einer kleinen gemauerten Hütte ohne Türen stehen. Etwa so wie eine Bushaltestelle in unseren Breiten. Dies ist der Flughafen von Achutupo.

Gelandet im Kuna Yala Paradies?

In den Hängematten lässt es sich herrlich entspannen, denn weit und breit gibt es keine Autos, Touristenmassen oder Hotelkomplexe.

In den Hängematten lässt es sich herrlich entspannen, denn weit und breit gibt es keine Autos, Touristenmassen oder Hotelkomplexe.

Eine Frau im Jeansrock stellt sich als Judy und waschechte Kuna Yala vor und geleitet die Gäste in ein kleines Motorboot, mit dem es auf den offenen Ozean hinausgeht. Einsame Kulisse mit einzelnen kleinen Inseln, umsäumt von Palmen und abwechselnd Sand- und Felsstränden. Die dicken Wolken, aus denen sich eben noch eimerweise der Regen ergoss, lassen nun einzelne Sonnenstrahlen durch das Grau und zaubern so ein Glitzern auf die Wellen. Fast kitschig hier in San Blás. Eingecheckt in die persönliche Bambushütte in der Vaglinega Dolphin Lodge – eine von lediglich fünf Hütten für Gäste auf der Insel – gibt es erstmal Frühstück um 10 Uhr vormittags. Der junge Kellner mit knapp 20 Jahren erklärt den Besuchern wiederholt, dass es ihm hier im Stamm der Kuna Yala sehr gut gehe, es wäre alles so toll und überhaupt kann er sich kein besseres Leben vorstellen. Na dann …

Die Hände werden aufgehalten

Frisches Kokoswasser aus den Kokosnüssen gleich hinter der Hütte? Auf San Blás kein Problem!

Frisches Kokoswasser aus den Kokosnüssen gleich hinter der Hütte? Auf San Blás kein Problem!

Danach geht es auf große Erkundungstour. Mit dem Boot geht es zur größeren Nachbarinsel, wo man den Besuchern die traditionell bunten Kleidungen der Frauen zeigt, für die der Stamm bekannt ist. Fotografieren sollte man sie aber nicht, und falls doch die Kamera blitzt, werden sofort die Hände aufgehalten. Kleine Kinder fragen nach einem Dollar, dafür darf man ein Foto von ihnen machen. In einer traditionellen Hütte mit Schilfdach wird Handwerkskunst gezeigt … und verkauft. Ein Krankenhaus mit Operationsmöglichkeit und zwei fixen Ärzten zeichnet die autonome Kommune aus. Die Kinder der Kuna Yala gehen sechs Jahre zur Schule. Danach können sie selbst entscheiden, ob sie eine weiterführende Schule machen wollen, oder arbeiten gehen möchten. Übrigens darf keine der Inseln an einen Nicht-Kuna verkauft werden.

Tägliche Inszenierung

Etwas befremdlich wirkt der Freudentanz der Kuna, der für die Touristen täglich zur Schau gestellt wird.

Etwas befremdlich wirkt der Freudentanz der Kuna, der für die Touristen täglich zur Schau gestellt wird.

Zur Entspannung erhalten die Gäste Zeit für sich selbst und zwar auf dem privaten Strand vor ihrer persönlichen Bambushütte. So stellt man sich das Leben auf einer (fast) einsamen Insel vor. Die bunten Hängematten schaukeln im Rhythmus der leichten Brise, die vom Meer aus die Inseln streift. Still und heimlich bewegt sich eine Kuna mit einer Machete durch die Kokospalmen. Sie entfernt braune Blätter und erntet Kokosnüsse, die sie gekonnt köpft und den Besuchern mit Strohhalm zum Trinken des Kokoswassers anbietet. So lässt man sich das Paradies gefallen.

Etwas seltsam mutet auch das Programm an, das die Kuna jeden Tag von Neuem zur Schau stellen. Da die Besucher immer nur für eine Nacht, maximal zwei Nächte auf der Insel verweilen, gibt es jeden Tag eine dramaturgische Darstellung von traditionellen Kuna-Zeremonien. Ein Tanz, begleitet von Panflöten und Pfeifen, lässt etwa fünf Stammesmitglieder um eine Tonvase tanzen, singen und hüpfen. Die Besucher hören fast nichts mehr, als das Gewitter vom Morgen sich fortzusetzen beginnt. In der Dunkelheit der Nacht suchen alle den Schutz der Bambushütten, welche das Gewitter erstaunlich gut abwehren. Am nächsten Morgen gibt es noch einmal ein üppiges Frühstück und die Versicherung des jungen Kellners, dass er sehr gerne auf dieser Insel lebt. Jeden Tag.

Die traditionell bunten Kleider der Kuna Yala sind das klassische Markenzeichen des Stammes.

Die traditionell bunten Kleider der Kuna Yala sind das klassische Markenzeichen des Stammes.

Paradies hin oder her. Die Landschaft ist ursprünglich, fast unberührt. Die Autonomie tut der Gegend gut, weit entfernt scheinen hier Massentourismus und Hotelkomplexe. Doch hat auch hier bereits der Kapitalismus Einzug gehalten. Zwar gibt es eine eigene Sprache der Kuna, die jüngeren des Stammes sprechen dennoch Spanisch miteinander. Mit ein paar Brocken Spanisch versteht man, dass sie über die Besucher nicht gerade positiv sprechen. „Die zahlen tatsächlich für ein paar Fotos von den Kleinen … wie dumm!“, sagt einer der Jugendlichen vor dem örtlichen Rathaus mit der Kuna Yala-Fahne.

 

Info: Brauchtum der Kuna Yala

Die Kuna Yala glauben an eine ähnliche Geschichte wie die von Adam und Eva und sehen ihre „Nana“ und „Baba“ als Götter. Die frau nimmt eine besondere Stellung in der Familie und Gemeinde ein, was sich auch in den vielen Ritualen ausschließlich für die Frau zeigt. So gibt es ein spezielles Ritual für Mädchen, sobald ihre erste Periode eintritt. Die Männer machen sich auf die Suche nach einer speziellen Pflanze, die einen Farbstoff absondert. Damit werden die Mädchen eingerieben, ihre Haut wird dadurch fast schwarz. So wird der gesamten Gemeinschaft gezeigt, dass sie jetzt eine Frau ist. Tote werden in Erdlöchern auf Hängematten gebettet und mit einem Gesang in den Himmel geschickt. Ohne diesen Gesang ist es dem Toten nicht möglich, in den Himmel aufzufahren. Unter der Hängematte werden Blätter mit guten Wünschen für den Verstorbenen platziert, welche ihn auf seiner weiteren Reise begleiten. (Daniela Nowak, kofferpacken.at)