Foto: Pucher/NPH

Der Kärntner Rad-Abenteurer Helmut Pucher macht auf seiner Tour von Patagonien bis Alaska einen einjährigen Zwischenstopp in Honduras. Dort ist er als freiwilliger Englischlehrer für das Kinderhilfswerk „Nuestros Pequenos Hermanos“ unterwegs. Ein Interview über Leben, Arbeiten, Reisen und Sicherheit in einem der gefährlichsten Länder der Welt.

****

kofferpacken.at: Wie weit bist du seit Jänner mit dem Rad gefahren?

Helmut Pucher: Laut Strava waren es bisher 9.696 km. Der erste Teil der Tour war von Buenos Aires nach Ushuaia, praktisch zum Aufwärmen. Der offizielle Start der Panamericana erfolgte am 26. Februar 2016.

kofferpacken.at: Was hast du bisher auf den Straßen erlebt?

Helmut Pucher: Zusammenfassend waren die ersten Kilometer ein absoluter Kampf mit den Wetterkapriolen. Richtig genießen konnte ich diesen Abschnitt bis Puerto Montt in Chile erst Ende März. Das Konkurrenzdenken unter den unzähligen Radfahrern auf der Carretera Austral machte diesen Abschnitt häufig zu einem Nervenspiel.

Helmut Pichler am Machu Picchu

kofferpacken.at: Wie ging es weiter?

Helmut Pucher: Einen kühlen Kopf zu bewahren hieß es auch nach Santiago de Chile. Rund 3.000 Kilometer Wüste. Die Einsamkeit und die monotone Szenerie waren der nächste Test. Nach ungefähr zwei Wochen Pause in Arica an der Grenze zu Peru ging es von der Wüste ins Altiplano. Auf 4.000 Höhenmetern ist das Radfahren auch nicht viel einfacher als in der Atacama-Wüste. Im Juni stellte ich das Rad in Lima fürs Erste in die Ecke. Seitdem unterrichte ich Englisch bei den Straßenkindern in Honduras.

kofferpacken.at: Warum engagierst du dich in Honduras als Freiwilliger?

Helmut Pucher: Hier habe ich die Möglichkeit, Straßen- und Waisenkindern, um die sich sonst niemand kümmert, eine Chance zu geben. Mich faszinieren Weisheiten von Mahatma Gandhi wie „Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“

kofferpacken.at: Warum ist es gerade für Waisen und benachteiligte Kinder wichtig, eine Schuldbildung zu erhalten?

Helmut Pucher: Die meisten Kinder haben niemals die Aufmerksamkeit von Erwachsenen bekommen. Das Gefühl von Eigenverantwortung ist kaum bis gar nicht vorhanden. Oft leben die Kinder auf der Straße und es fehlen soziale Kontakte und ein geregelter Tagesablauf. In der Schule haben die Kinder wieder eine Struktur und eine Routine, die ihnen Sicherheit gibt. In erster Linie geht es darum, sie fit für den Alltag zu machen und ihnen ein positives Lebensgefühl mit auf ihren weiteren Weg zu geben.

Helmut Pucher in Honduras

kofferpacken.at: Welche Gefahren gibt es in Honduras für Kinder, die niemanden haben?

Helmut Pucher: Diese Kinder rutschen früher oder später leider in die Kriminalität ab, um ihren Unterhalt zu verdienen. Meistens beginnt es mit kleineren Diebstählen und Delikten, oft auch um die Familie mitzuversorgen. In der Regel kommen die Straßenkinder dann sehr schnell mit Bandenstrukturen in Kontakt und werden dann Teil der Gruppierung.

kofferpacken.at: Welche Erlebnisse haben dich als Lehrer im Kinderdorf bisher besonders bewegt?

Helmut Pucher: Die Kinder suchen den ständigen Kontakt mit dem Lehrer und man benötigt sehr viel Feingefühl und Geduld im Umgang mit ihnen. Ich sehe es als Herausforderung, das selbständige Denken der Kids zu fördern. Auch wenn der Unterricht manchmal anstrengend ist, gibt es nichts Schöneres als das Lachen und Strahlen der Kinder. Was ich hier jeden Tag wieder aufs Neue lerne: Im Grunde bedarf es nicht viel, um die Welt ein kleines Stück weit zu verändern.

kofferpacken.at: Honduras ist eines der gefährlichsten Länder der Welt. Wie nimmst du die Sicherheitslage von innen wahr?

Helmut Pucher: Wenn man Honduras im Internet googelt, bleibt einem natürlich die Spucke weg: Raub, Mord, Totschlag. Die Realität ist für mich wie folgt: Trotz meiner Reiseerfahrung bleibt ein mulmiges Gefühl. Sobald du in ein Taxi steigst, stellst du dir die Frage: Komme ich jetzt wirklich dorthin, wohin ich will? Zweimal springe ich aus dem Taxi, weil es mich wahrscheinlich in einen abgelegenen Stadtteil gebracht hätte …

kofferpacken.at: Wie begegnen dir die Menschen?

Helmut Pucher: Bei kleineren Aktionen wie Einkaufen oder Amtswegen spürt man beim Kontakt mit der Bevölkerung außerhalb der NPH-Ranch (Nuestros Pequeños Hermanos – Unsere kleinen Brüder und Schwestern) Unsicherheit, oft Misstrauen, was ich von meinen bisherigen Reisen nicht kenne. Die Kriminalität hat sicher auch ihre Spuren im Bewusstsein der Bevölkerung hinterlassen. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich mich deshalb im Zimmer einsperre. Ich gehe am Wochenende gerne aus oder auf eine Baleada in den Mercado. Das Leben bleibt auch hier in Honduras nicht stehen, und die Menschen versuchen das Beste aus ihrer Situation zu machen.

kofferpacken.at: Was hat Honduras als Reiseland zu bieten?

Helmut Pucher: Die größte Attraktion in Honduras sind zweifellos die Karibikstrände im Norden, allen voran Islas de Bahia mit Roatan und Utila. Neben Korallentauchen sind auch die Maya-Ruinen von Copan zu empfehlen. Mein persönliches Highlight wäre aber ein Dschungeltrekking und eine Kanu-Fahrt entlang des tropischen Regenwaldes zu den Miskitos in Wampusirpi, den Ureinwohnern im Nordosten von Honduras.

kofferpacken.at: Hast du Tipps für Honduras-Reisende? Auch inpunkto Sicherheit?

Helmut Pucher: In Honduras muss alles sehr exakt geplant werden, wenn du eine Reise vor hast. Du brauchst verlässliche Fahrdienste und Unterkünfte. Die meisten Reisenden tauschen Kontakte von Bekannten in Honduras aus: Homestays, Guesthouses, Taxifahrer, die sich schon lange bewährt haben. So ist sicheres Reisen möglich.

Dafür hat man den Luxus, die Touristenhorden aus Costa Rica hinter sich zu lassen. Individualreisenden würde ich daher raten, mit ortskundigen Gringos oder Catrachos vorher Kontakte zu knüpfen, dann steht einer ziemlich exklusiven Zeit in Honduras nichts mehr im Wege!

kofferpacken.at: Vielen Dank für das Interview.

 

Gut zu wissen:

  • kofferpacken.at begleitet Helmut Pucher bei seiner Rad-Reise von Süd- nach Nordamerika. Der Kärntner berichtet außerdem laufend auf seiner Website www.panam-rouleur.com über seine Abenteuer.
  • Video-Eindrücke aus Santiago de Chile. Zu den aktuellen Blogeinträgen geht es am schnellsten hier.
  • Das internationale Kinderhilfswerk NPH (Nuestros Pequenos Hermanos = Unsere kleinen Brüder und Schwestern) ist neben Honduras in acht weiteren Ländern Lateinamerikas und der Karibik tätig. Allein in Honduras erhalten mehr als 550 Waisen und in Not geratene Kinder eine Ausbildung. Die Betreuung wird durch Spenden und Patenschaften, unter anderem aus Österreich, gesichert. Information und Spenden: www.nph.org
  • Sicherheit: Honduras hat die höchste Mordrade in Zentralamerika. Das österreichische Außeministerium hat das Land auf Stufe vier von sechs Sicherheitsstufen eingeteilt. Das Sicherheitsrisiko wird als „hoch“ eingeschätzt. Der Grund dafür sind die hohe Gewaltbereitschaft und die geringe Hemmschwelle beim Gebrauch von Waffen. Von nicht unbedingt notwendigen Reisen in das Land wird abgeraten.