Drei Monate lang als Billiglöhner in einer der teuersten Städte der Welt. Ein persönlicher Einblick über den Londoner Alltag.

Teures London

London ist Lieblings-Destinatin vieler Städtereisender. Aber: Wie lebt es sich als Niedrigverdiener in der überteuerten 8-Millionen-Metropole? kofferpacken.at-Autorin Maria Kapeller hat es vor einigen Jahren ausprobiert.

****

Selbst Nichtraucherin, schaue ich zu, wie meine Freundin ihre Zigaretten beim “Mann mit dem Supermarktsackerl” kauft. Jeden Tag um dieselbe Zeit steht er an der Bushaltestelle in der Kilburn High Road im Nordwesten der Stadt und verdreht billige, illegal produzierte Zigaretten, die er aus einem Plastiksack mit der Aufschrift “Lidl” herauszieht. Dass London eine der teuersten Städte der Welt ist, lässt sich allein schon am Zigarettenpreis erkennen: Legal verkaufte Glimmstängel sind rund doppelt so teuer wie in Österreich.

Wir wollten doch die Welt erobern

Wir sind hergekommen, um die Welt zu erobern. Jetzt erobert diese Stadt uns. Wir vergöttern sie, weil sie so überwältigend ist. Wir verachten sie, weil sie so ungemein teuer ist. Einerseits haben die Londoner im Vergleich mit den anderen Regionen Großbritanniens das höchste Brutto-Haushaltseinkommen pro Woche. Andererseits lebt die Hälfte der Kinder im so genannten “Inner London”, den zwölf inneren Stadtbezirken, unter der Armutsgrenze. Die hohen Mietkosten fressen oft einen erheblichen Teil der Löhne.

Eine andere Welt

Der touristische Stadtkern wirkt wie eine andere Welt, wenn man erst einmal das Innere der morschen Häuser kennt, in denen man plötzlich selbst wohnt. Überall glänzen Lichter, die T-Shirts in den Boutiquen kosten mehr, als wir an einem einzigen Tag verdienen. In der Oxford Street sehen wir, wie ein Mann im Anzug einem Bettler ein paar große Geldscheine überreicht. Dieser fällt vor Dankbarkeit auf die Knie, Tränen in den Augen.

Multikulti

Von einer eigenen Wohnung spricht hier niemand. Zumindest keiner, der im Supermarkt, bei McDonalds oder im Call Center arbeitet. London ist dafür schlicht und einfach zu teuer: Die U-Bahn ist hochpreisig, die Restaurants unbezahlbar, die Mieten horrend. Trotzdem zieht es nach wie vor Menschen aus aller Herren Länder in die britische Hauptstadt – dem Inbegriff von Multikulti. Allein im Jahr 2008 kamen über 160.000 Immigranten. Rund ein Drittel der acht Millionen zählenden Londoner Bevölkerung ist bereits außerhalb von Großbritannien geboren. Wer in der Arbeit oder am Wochenende neue Bekanntschaften macht, hört als erste Frage meistens: “Und woher kommst du?”

Das große Geld?

Jaques, ein weißer Südafrikaner, kam mit einigen Freunden nach London, um – so kurios das klingt – das große Geld zu machen. “Das, was ich hier in kurzer Zeit verdiene, reicht in Südafrika für einen ganzen Monat”, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Es macht ihm nichts aus, im Hilton-Hotel Koffer zu schleppen und sich Zimmer und Küche mit anderen zu teilen. Abends wird die Gemeinschaftsküche zum interkulturellen Party-Treff.

In derselben Küche in einem schmalen, weißen Haus in der Kilburn High Road brüht sich die Polin Kamila ihren Kaffee auf und kocht sich, wie fast jeden Tag, Nudeln mit Thunfisch. Sie ist nach London gekommen, um dem polnischen Alltag zu entfliehen und die Beziehung zu ihrem Ex-Freund endgültig hinter sich zu lassen. In Polen ging es ihr gut, sie hatte eine eigene Wohnung und als studierte Juristin einen Job in einer Immobilienfirma. Aber das reichte ihr nicht, sie wollte wissen, was die Welt noch zu bieten hat. Weil ihre polnischen Zeugnisse hier nichts wert sind, teilt sie für fünf Pfund pro Stunde Flyer aus. Das Geld bekommt sie meistens gar nicht oder erst viel zu spät. Offiziell ist sie nicht als Arbeitnehmerin angemeldet, Rechte hat sie also keine.

Ebenfalls im selben Haus wohnen: Sylvia aus Kroatien, die der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat entfloh und sich hier als Kindermädchen für Reiche durchschlägt; Marco aus Italien, der täglich mit seiner zerschlissenen blauen Jogginghose die Couch belagert und ein großes Geheimnis um sich macht; Mathilda, eine etwa 40-jährige Italienerin, die ihre jungen Mitbewohner ständig zum Beten zu bewegen versucht; Andrew, er stammt als einziger aus London und steht auf Partys, Drogen und Alkohol.

Gefühlte zwei Quadratmeter

Letztendlich ziehen auch wir in das schmale weiße Haus in der Kilburn High Road ein. Unser Zimmer hat geschätzte neun und gefühlte zwei Quadratmeter. Einzig ein Stockbett und ein Tisch mit zwei Stühlen drängen sich dicht nebeneinander. Die “Kochnische” – eine alte Herdplatte, darüber ein Schrank und daneben ein mit grünem Schimmel überzogener Kühlschrank – steht nur einen Schritt von der im Zimmer integrierten Dusche entfernt.

Tee und Minzschokolade für Anzugträger

Wir teilen uns ein Haus mit ungefähr zehn anderen Personen (so genau kann man das nie wissen, eines Tages entdecken wir einen illegalen Mitbewohner aus der Mongolei auf unserem Sofa) aus allen Teilen der Welt. Wir stehen um fünf Uhr morgens auf, um am Frühstücksbuffet eines Hotels knappe sechs Euro pro Stunde zu verdienen. Wir arbeiten im Call Center, wir putzen Häuser, wir servieren reichen Männern in Designeranzügen bei Pferderennen Tee und Minzschokolade.

Danke, Mohammed

Dass wir überhaupt einen Job gefunden haben, verdanken wir Mohammed. Der Ägypter hatte ein Herz für uns, als wir in seinem Café in Bayswater einmarschierten und nach Arbeit fragten. Mohammed bat uns in sein Büro im Keller, wir standen auf gelben Fliesen und spürten unter uns die U-Bahn donnern. Schließlich drückte er uns ein Thunfisch-Sandwich und einen Pappbecher mit heißem Tee in die Hand und schickte uns zu seinen libyschen und philippinischen Freunden, die Arbeit für uns hatten. Das Sandwich aßen wir aus Dankbarkeit bis auf den letzten Bissen auf – und das, obwohl wir Thunfisch eigentlich gar nicht mögen. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)