Reiseckers Reisen: Ein 29-jähriger Innviertler kurvt kreuz und quer durch Österreich um herauszufinden, wie glückliche Menschen leben.

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Nach Lehre, Studium, einem Job als Techniker in einem Chemiekonzern, Auslandsaufenthalten und der Arbeit in einem internationalen Forschungsteam hat Michael Reisecker das Bedürfnis, endlich auch einmal die eigene Heimat besser kennenzulernen. Er kündigt seinen Job, kauft einen alten VW-Bus, eine Brille mit eingebauter Mini-Kamera und macht sich auf den Weg. Das ist jetzt drei Jahre her. Seine Zufallsbekanntschaften filmt der 29-Jährige nach wie vor für seine Dokumentarfilm-Reihe “Reiseckers Reisen”. kofferpacken.at hat den derzeit in Wien lebenden Neo-Filmemacher interviewt.

kofferpacken.at: Du fährst mit deinem alten VW-Bus scheinbar planlos durch die Gegend und filmst Zufallsbekanntschaften. Startest du wirklich einfach immer drauf los – ohne ein Ziel, einen Plan zu haben?

Michael Reisecker: Man hat immer irgendeine Idee, einen Plan im Kopf – ich bewusst nie auf der Autobahn, sondern durch kleine Nester. Aber ich würde sagen, dass ich zu 99 Prozent schon planlos unterwegs bin. Man sieht dann ein Schild, fragt jemanden, kauft sich ein Wurstsemmerl oder isst im Wirtshaus und kommt so zu interessanten Geschichten. Durch’s Reden kommen ja bekanntlich die Leut‘ zusammen.

kofferpacken.at: Du klingelst an Haustüren oder sprichst die Leute bei der Gartenarbeit an. Wie bringst du sie dazu, dir als Wildfremden so viel von sich preiszugeben? Hast du die Kamera-Brille bewusst benutzt, um die Hemmschwelle zu senken?

Michael Reisecker: Ich dachte damals, ich finde keinen anderen Verrückten, der mit mir mitfährt mit Kamera und Tongerät. Da ich keine Kamera-Erfahrung hatte, habe ich einfach gegoogelt und so die Kamera-Brille gefunden, die sehr hilfreich war und ist. Die Leute vergessen meist nach kurzer Zeit, dass sie gefilmt werden. Das ist schön, weil sie dann einfach echt sind und reden, was sie denken und fühlen. Ich habe beim Drehen auch bemerkt, dass ich selbst sogar manchmal vergesse, dass in meiner Brille eine Kamera ist.

kofferpacken.at: In deinen Doku-Videos reagieren die meisten Leute gelassen, fangen wie von selbst an zu erzählen. Hat dich nie jemand rausgeschmissen?

Michael Reisecker: Das mich anfangs auch gewundert. Bis jetzt hab ich rund 200 Begegnungen gefilmt und es gibt nur eine Hand voll Leute, die keine Zeit hatten oder das einfach nicht wollten. Es hat nie jemand gefragt: “Was ist das für ein Freak?”, oder “Das mit der Kamera glaube ich nicht”. Es ist faszinierend, dass die Barriere so schnell bricht. Mir wurde in meinem Umfeld immer wieder gesagt: “Du kannst ja nicht einfach in einen Garten gehen und Leute filmen.” Aber: “Warum nicht? Meine Erfahrungen sind der Beweis dafür, dass es funktioniert – das hat sich bis ins hinterste Tiroler Bergdorf bestätigt. So offen wie du selbst bist, so offen sind die Leute zurück – das ist meine Haupterkenntnis. Und das sich Vorurteile sehr sehr oft in Luft auflösen.

kofferpacken.at: Wie würdest du selbst reagieren, wenn an deiner Tür jemand wie du klopft?

Michael Reisecker: Gute Frage. Ich weiß es nicht. Als ein Fernseh-Team bei mir war um einen Bericht über mich zu machen, war ich mehr als nervös. Und als meine Großmutter mit über 90 Jahren zwar behutsam, aber trotzdem für ein Interview “platziert” wurde, habe ich nach kurzer Zeit abgebrochen. Man kann nicht jemanden hinsetzen und erwarten, dass er jetzt redet. Ich stehe auf das echte Leben und auf Dinge die unvorhergesehen passieren und nicht inszeniert sind. Und auch wenn ich Spielfilme toll finde, so sind es Dokus über Menschen, die mich viel mehr faszinieren und fesseln.

kofferpacken.at: Hat sich dein Bild von den Österreichern durch diese Erlebnisse verändert?

Michael Reisecker: Als ich früher in Australien und Neuseeland war, habe ich das erste Mal wirklich gespürt wie es ist, mit der österreichischen Vergangenheit konfrontiert zu werden. Viele Reisende haben mich auf die Nazi-Zeit angesprochen und wollten wissen, wie denn das jetzt in Österreich sei: Ob Österreicher offen, fremdenfeindlich, rassistisch sind oder nicht und was ich von meinen Landsleuten halte. Vom Holländer bis zum Israeli haben mich aber auch viele um unser schönes Land beneidet. Ich dachte mir: Wow, das stimmt. Wie denke ich eigentlich selbst über mein Land und seine Menschen?

Jetzt kann ich für mich sagen: Diese Klischees sind beinhart da. Aber was rechtfertigt ein pauschales Urteil, wenn einzelne Erlebnisse wieder und wieder das Gegenteil beweisen? Für mich hat sich halt gezeigt, dass die Leute kreuz und quer durchs Land offen sind, wenn man offen auf sie zugeht. Klar, jemand kann womöglich ausländerfeindlich sein und am Stammtisch über alles und jeden schimpfen – aber wenn ein Fremder plötzlich in seinem Garten steht und ihn nach einem Schuss Motoröl oder einem Schluck Wasser fragt, ist er vielleicht trotzdem nett und hilfsbereit. Und wenn man dann mit ihm trotz seiner schrägen Ansichten diskutiert und Meinungen austauscht oder Sichtweisen sich ändern, dann zerbrechen auch oft Vorurteile oder Klischees …

Ich habe von Österreich und seinen Menschen ein wirklich schönes, interessantes Bild. Aber das ist halt mein Resümee und jeder muss sich sein Bild selber machen. Außerdem sind meine Begegnungen Momentaufnahmen und der Eindruck den man dabei von Menschen gewinnt, ist halt sehr sehr subjektiv. Das heißt, ich weiß nicht, was diese Menschen vorher oder nachher wirklich machen oder wie sie dann sind, aber ich bekomme zumindest ein Gefühl dafür und dem vertraue ich. Und was hilft es mir, daran zu zweifeln oder etwas Negatives zu sehen.

kofferpacken.at: Hast du seither ein Lieblingsbundesland? In welchem waren die Leute am freundlichsten beziehungsweise unfreundlichsten?

Michael Reisecker: Unfreundlich waren sie nirgendwo. Am besten ist mir Vorarlberg in Erinnerung geblieben. Einfach deshalb, weil mich diese Berge dort so fasziniert haben und auch die damit verbundenen Begegnungen so beeindruckend waren. Das hängt immer irgendwie zusammen. Bin ich voller Energie, sind es auch die Menschen, die ich treffe. Bin ich mal grantig, treffe ich plötzlich grantige Menschen. Das ist witzig, spricht aber wieder dafür, das alles von einem selber ausgeht. Daran glaube ich.

kofferpacken.at: Du hast einmal gesagt, du machst diese Reisen, weil du auf der Suche nach Glück bist. Hast du den Eindruck, dass die meisten Österreicher glücklich und zufrieden sind?

Michael Reisecker: Ich weiß es nicht. Ich kann nicht von meinen persönlichen Reisen und deren Begegnungen auf eine Gesamtheit schließen. Aber von den über 200 Menschen die ich getroffen habe, waren schon sehr viele sehr im Reinen mit sich selbst. Sprich, sie haben einfach gefunden, was ihnen Spaß macht oder sie erfüllt. Viele Selbstständige, Künstler und Aussteiger die ich treffe verdienen wenig, leben Bescheiden und wirken umso mehr glücklich und zufrieden. Man spürt, wenn diese Menschen in ihrer Sache aufgehen und primär nicht ans Geld denken, sondern an das, was sie als Menschen wirklich brauchen. Aber das muss eben jeder für sich selber finden, die Definition von Glück und Zufriedenheit.

kofferpacken.at: Was bedeutet Glück für dich heute, nach all den Erlebnissen?

Michael Reisecker: Im Moment bedeutet Glück für mich, dass ich zwischenzeitlich das gefunden habe, was mir Freude und für mich Sinn macht. Das macht mich mehr wie zufrieden. In Bezug auf meine Begegnungen ist es aber irre interessant wie viele Definitionen von Glück und Zufriedenheit es gibt und dass oft jene Menschen für mich am zufriedensten wirken, die sich darüber nie Gedanken machen, sondern einfach ihr Leben leben.

kofferpacken.at: Wer ist dir in besonderer Erinnerung geblieben?

Michael Reisecker: Das sind viele Begegnungen, aber das emotionalste Erlebnis war sicher ein Bergbauer in Osttirol, der kurz vor meinem Besuch seine Frau und einen guten Freund verloren hat. Er erzählte mir aus seinem Leben, vom Krieg, dem Leben auf dem Berg und was ihn beschäftigt. Vor dem Wegfahren hab ich ihn dann gefragt, wodurch er so stark ist nach dem Verlust seiner Lieben, ob es das Leben am Berg sei. Er meinte daraufhin, dass er das nicht weiß, aber dass er einfach mit den Lebenden halten müsse und nicht mit den Toten. Und dass ihm der Doktor nicht helfen könne, wenn er in der Stube sitzend den Kopf hängen lässt, sondern er sich selber helfen und nach vorn schauen muss. Das hat mich damals wie heute ziemlich berührt und nachdenklich gemacht. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

 

Info

Der 29-jährige Innviertler Michael Reisecker reist seit drei Jahren mit einer Brillen-Kamera immer wieder quer durch Österreich, um Zufallsbekanntschaften zu treffen und zu filmen. In der Dokumentarfilm-Reihe “Reiseckers Reisen” zeigt er die Highlights seiner bisher 200 Begegnungen. Die Rechte für den Dokufilm-Song “Der Titel vom nächsten Kapitel” hat er übrigens von Sportfreunde Stiller geschenkt bekommen. Im Kulturmontag auf ORF 2 laufen seine Doku-Filme.