Inmitten des Trubels von Chinatown in Kuala Lumpur bietet Sankyi Fußreflexmassagen an. Was kofferpacken.at dort herausgefunden hat, ist jedoch weit tiefgehender als die Wirkung von Jasminöl auf müden Zehen.

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Der junge Mann, der täglich die müden Knochen der Touristen mit Massagen verwöhnt, hat mit seinen 28 Jahren schon einiges erlebt. Seit sieben Jahren lebt Sankyi als Flüchtling in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, wo er jeden Tag vor dem dunklen Eingang eines Massagestudios auf Kunden wartet. „Eigentlich komme ich aus Birma (Myanmar). Doch ich bin von dort geflüchtet“, erzählt er zurückhaltend. Sein Massagedruck lässt etwas nach und seine Augen blicken nach oben. Es scheint, als überlegt er, wie er seine Geschichte erzählen soll, ohne zu viel zu verraten. „Vermisst du deine Heimat?“ Er lächelt verschmitzt und schüttelt den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Aber auch nur, weil es für mich nie eine wirkliche Heimat war. Mein Großvater kommt aus Indien und ich wuchs mit der indischen Kultur auf. Aber eines ist sicher: Zurück kann ich nicht mehr.“

Man weiß nie genau, wie es weitergeht

Mitten in Chinatown in Kuala Lumpur lassen sich täglich zahlreiche Touristen die Strapezen der Reise "wegmassieren". Sankyi empfängt sie alle herzlich.

Mitten in Chinatown in Kuala Lumpur lassen sich täglich zahlreiche Touristen die Strapezen der Reise “wegmassieren”. Sankyi empfängt sie alle herzlich.

Als Konventionsflüchtling wurde Sankyi im Resettlement-Programm der UNHCR aufgenommen. Es verhilft Flüchtlingen, die besonderen Gefahren ausgesetzt sind, ein neues Leben in einem anderen Land zu beginnen. Oberste Prämisse ist die Sicherheit der Flüchtlinge in allen Angelegenheiten: persönlich, gesundheitlich und rechtlich. Die Schützlinge werden außerdem bei Ausbildung und Jobsuche unterstützt. Auch Sankyi befindet sich in einer so genannten „lang andauernden Flüchtlingssituation“. Warum genau er aus seiner Heimat flüchten musste, sagt er nicht.

Sein Mitbewohner ruft während der Arbeit an. Auch er ist aus Birma geflüchtet – ein Stückchen Heimat im interkulturellen Chinatown. „Wir alle hatten keine Wahl, in welches Land wir kamen. Wir freuten uns auf eine Zukunft, die wir vorher nicht hatten“, so Sankyi. „Als Flüchtling gibt es eine bestimmte Anzahl an Ländern, in die man geschickt werden kann. Bei mir wurde es Malaysia.“ In seiner alten Heimat war er kein Masseur. Dieses Handwerk hat er erst hier gelernt. „Wahrscheinlich werde ich noch dieses Jahr in die USA geschickt, ich freue mich darauf, aber es ist auch immer etwas Unsicherheit dabei.“ Denn Sankyi weiß nicht, für welche Tätigkeit er dort benötigt wird. Es kann sein, dass er erneut einen anderen Beruf erlernen muss. „Ich glaube nicht, dass ich weiter als Masseur arbeiten kann. Ich bin dort im UNHCR-Programm und richte mich ganz nach den Vorgaben. Dennoch weiß man nie genau, wie es weitergeht!“

Ein neues Leben im neuen Land

Bereits in der Schule in Birma hat er gutes Englisch gelernt. „Das ist jetzt mein Vorteil. Bei dem Programm werden auch Sprachkenntnisse und Ausbildung berücksichtigt.“ Dennoch ist es natürlich kein Freiwilligenprogramm für Entsendungen. Flüchtlinge mit Konventionspass im Resettlement-Programm haben Schlimmes hinter sich – aufgrund der Verfolgungsrisiken kann es zu abermaligen Relokalisierungen kommen. „Wenn ich möchte, kann ich bleiben. Wenn nicht, dann muss ich nicht. Es geht hier hauptsächlich um den Sicherheitsaspekt. Man muss auf die Staatsbürgerschaft meistens einige Jahre warten, deshalb lohnt es sich, länger in einem Land zu bleiben“, erzählt Sankyi.

Jeden Tag beginnt er seine Schicht um 14 Uhr am großen Markt in Chinatown. Bis Mitternacht massiert er meistens um die sechs Kunden. „Es ist ein anstrengender Job, weil wir uns immer bewegen und dabei natürlich auch nett sein müssen“, zwinkert er. Der Großteil seiner Gäste sei sehr zuvorkommend, und es mache ihm auch nichts aus, wenn die Touristen nach einem langen Tag verschwitzt zu ihm kommen. „Ich freue mich, wenn sie sich nach einer meiner Massagen wieder besser fühlen.“

Keine Heimat – ungewisse Zukunft

Feinfühlig massiert er die Füße und jeden einzelnen Zeh. Wehmütig spricht er dabei von seiner „Heimat“, die eigentlich keine für ihn ist. „Nein, ich vermisse Birma nicht. Ich habe keine Heimat, keine Nationalität, kein Land, das ich das meine nennen würde. Ich fühle mich am ehesten als Inder.“ Sankyi lächelt. Doch ein Funken Traurigkeit liegt in seinen Augen. Zum Abschluss cremt er die Füße mit Jasminöl ein. „Bitte achte darauf, dass du genug Schlaf bekommst, auch bei deinen Recherchen auf Reisen, das schlägt sich gleich in den Muskeln nieder. Und besorge dir einen guten Polster, damit dein Nacken in der Nacht nicht leiden muss.“

Daniela Nowak, kofferacken.at (Anm.: Name von der Redaktion geändert)