Titelbild: Entwurf zum Thema “Flüchtlinge” von Studio Erika in der Grazer Straßenzeitung Megaphon.

 

„Wir können nicht alle aufnehmen“. Ein gern gesagter Satz, wenn es um Flüchtlinge geht. Wer sein Hirn einschaltet, wird ihn niemals aussprechen. Diese Argumente helfen, die grauen Zellen anzukurbeln.

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Als wir durch den Gang des neuen Flüchtlingsheimes schlenderten und durch die offenen Türen in die noch leeren Mehrbettzimmer blickten, dachte ich an jene 71 Menschen, die vor ein paar Tagen in einem Lastwagen auf der Autobahn erstickt sind.

Hätten die Schlepper den LKW nicht einfach am Straßenrand abgestellt und die Menschen ihrem Schicksal überlassen, würden einige von ihnen vielleicht selbst bald in Zimmern wie diesen übernachten. Ein sauberes Bett, ein Spind mit Schlüssel, ein Speisesaal mit langen Sitzbänken, ein Gemeinschaftsraum mit gespendetem Sofa und Fernseher.

Das Heim erinnerte mich ein bisschen an ein mit Eile und einfachsten Mitteln eingerichtetes Hostel. Die ebenfalls gespendeten Matratzen waren mit weißer Bettwäsche überzogen, auf jedem Bett lag ein dünnes, gelbes Handtuch bereit. In vier Tagen würden hier 60 Asylwerber einen Schlafplatz finden. Zig Anwohner waren bei der Führung dabei. Sie hatten sich gemeldet, um freiwillig mit anzupacken. Das ist die eine Seite Österreichs.

„Wir können nicht alle aufnehmen“

Das Problem an der Flüchtlingssache und den damit verbundenen öffentlichen Diskussionen ist: Es sind immer diejenigen, die (oft) wenig gebildet, über die Fakten uninformiert und mit dem eigenen Leben unzufrieden sind, die da laut schreien: „Wir können nicht alle aufnehmen.“ Aus Angst, jemand könnte einem etwas wegnehmen und das eigene Leben könnte unbequemer werden. Das ist die andere Seite Österreichs.

Wer ist „wir“ und was heißt „alle“?

Was wäre eigentlich, wenn von heute auf morgen Krieg in Deutschland wäre? Würden die Brüller unter den Kritikern dann ähnlich abweisend reagieren? Wahrscheinlich nicht, denn vor den Deutschen haben wir keine Angst, wir leben ja im selben Kulturkreis. Sie machen hier Urlaub, wir schauen ihre Fernsehshows. Wer ist also „wir“? Wir Österreicher mit Nachnamen wie Novak, Svoboda oder Kutschera? Wir Deutschsprachigen? Wir Europäer? Wir Christen? Wir Reichen?

Und was heißt „alle“? Alle, die Hilfe brauchen? Alle „Ausländer“? Die ganze Welt? Definieren wir es mal so: Alle Menschen, die in Österreich einen Asylantrag stellen. Im Jahr 2014 waren das ca. 28.000, rund 7.000 davon wurde Asyl gewährt. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, weil sie in ihrer Heimat von Krieg bzw. Verfolgung bedroht sind. Österreich hat sich gemeinsam mit vielen anderen Staaten mit der Genfer Flüchtlingskonvention dazu verpflichtet, Menschen wie sie zu schützen.

Auch Österreicher mussten mal flüchten

Zur Erinnerung: Vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges gab es im heute reichen Kontinent Europa, der seine Grenzen zunehmend dicht macht, 60 bis 80 Millionen Heimatlose. Viele Deutsche und Österreicher sind in sichere Häfen wie die USA, Kanada oder Australien geflüchtet. Im Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren kamen insgesamt 115.000 Menschen nach Österreich, die meisten davon mit bosnischen Wurzeln. Die Hilfe aus Österreich kam rasch und unkompliziert. “Nachbar in Not”, das war für jeden verständlich. Nach dem Krieg kehrte rund die Hälfte nach Hause zurück, 60.000 sind in der neuen Heimat geblieben.

Woher kommen die Flüchtlinge in Österreich?

Es stimmt, dass die Zahl der Asylwerber in Österreich in letzter Zeit wieder sprunghaft angestiegen ist. Wie immer, wenn in nicht allzu weiter Entfernung neue Krisenherde ausbrechen.

Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden mit 28.000 Asylanträgen ungefähr gleich so viele gestellt wie im gesamten Jahr 2014. Der allergrößte Teil kommt laut Statistik des Innenministeriums von Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak. Länder, über die wir täglich in den Schlagzeilen lesen. Ausreißer ist der Kosovo, wo es im Jänner und Februar politische Unruhen gab und die Zahl der Anträge deshalb vorübergehend angestiegen war.

Aber „wir“ tragen nicht die Last von „allen“, wie oft in Stammtischmanier behauptet wird: Laut UNHCR sind weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Drei Viertel von ihnen suchen in Entwicklungsländern Zuflucht, nicht in reichen Industrienationen wie Österreich.

Menschen sind überall auf der Welt gleich

Nochmal zurück: Diejenigen, die lauthals aufschreien sind (erfahrungsgemäß) auch diejenigen, die selbst selten reisen, Angst vor dem Fremden haben und deshalb nie auf die Idee kommen würden, hier in Österreich in engeren Kontakt mit „Ausländern“ zu treten.

Würden sie das tun, wäre nämlich ihr gesamtes Menschenbild verschoben. Und sie hätten keine Grundlage mehr, drauf loszubrüllen. Sie würden merken, dass diese Menschen gar nicht so anders sind als wir, sie würden Beziehungen aufbauen und ihre Ablehnung würde ganz von selbst verschwinden. Sie wären darüber erstaunt, dass 18-jährige Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien innerhalb eines Jahres korrekter Deutsch sprechen als so manch eingefleischter Österreicher.

Menschen sind überall auf der Welt gleich: Sie arbeiten, gründen Familien, die Kinder gehen zur Schule, streiten sich um Spielzeug. Und ja, es gibt Mobiltelefone – auf der ganzen Welt. Mittlerweile sogar ungefähr genau so viele wie Menschen, nämlich 7 Milliarden.

Wer flüchtet, ist nicht automatisch arm und ungebildet

Das ist der nächste Punkt: Wer reist oder sich anderweitig bildet, weiß das alles. Wir wundern uns nicht, wenn ein Syrer ein Smartphone besitzt. Denn wir sind nicht weltfremd, wir wissen, was digitale Kommunikation heute bedeutet. Wir haben gesehen, dass nicht nur wir in der „Ersten Welt“ Computer, Handys und das geistige Know-How über deren Verwendung besitzen. Wir wissen, dass arme Länder reiche Schichten haben und umgekehrt.

Wir wissen, dass Flüchtling nicht automatisch arm und ungebildet heißt, sondern schutzbedürftig. Und haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen ihrer Heimat so verbunden sind, dass sie sie nur dann verlassen, wenn sie um ihr Leben fürchten. Dass gerade im mit Slums überzogenen Indien die besten Computerspezialisten sitzen. Und dass jene Teile vom Huhn, die wir nicht essen wollen, nach Afrika verschifft werden. Gemeinsam mit unserem Computermüll, der dort repariert und wieder verwendet wird.

Wir sind alle Teil derselben Welt

Wer sich informiert und seinen gesunden Menschenverstand einsetzt, wird gar nicht anders können, als sich für Hilfsbedürftige und gegen rechte Hetze einzusetzen. Wie, das ist Nebensache. Der eine spendet alte Kleidung, der andere seine Zeit. Oder legt Argumente auf den Tisch, wenn am Stammtisch heiß diskutiert wird.

Das ist die menschliche Seite. Das ist das, was wir tun können. Für diejenigen, die hier sind. Eine andere Sache ist die politische Seite. Sie muss Lösungen entwickeln, die über Staatsgrenzen (die es übrigens erst vergleichsweise kurz gibt) hinausgehen. Keine Frage, es gibt Probleme, es gibt Hürden, Dinge, die falsch laufen oder strenger Regeln bedürfen. Sobald mal etwas daneben geht, wird von Rechts rübergerufen werden: “Wir haben’s ja gesagt. Das habt ihr jetzt von eurem Gutmenschentum.” Aber: Die Welt ist kompliziert und nicht einfach nur schwarz oder weiß. Sie bietet keine Pauschal- oder All-Inclusive-Lösungspakete an. Eines ist die Welt noch: Genau das, was wir Tag für Tag aus ihr machen.

 

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