Ein Kanadier erzählt über seinen Aufenthalt in Afghanistan: “Es war einfach, staubig und laut.”

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Ryan M. verbrachte insgesamt zwei Jahre seines Lebens auf einer kanadischen Militärbasis in Afghanistan. Er war am Kandahar Airfield stationiert, das rund 18 Kilometer südlich der Stadt Kandahar liegt. Der Kanadier arbeitete in der Finanzbuchhaltung einer kanadischen Vertragsfirma, die unterstützende Arbeit für das kanadische Militär leistet. Derzeit lebt und arbeitet der Weltenbummler in Costa Rica.

kofferpacken.at: Wie hast du das Leben auf der Militärbasis empfunden?

Ryan: Ich möchte zuerst betonen, dass ich dort als Zivilist war, mein Leben unterschied sich also von jenem der Soldaten vor Ort. Das Leben in einem afghanischen Militärcamp ist einfach, staubig und laut. Einfach, weil es keine täglichen Hausarbeiten wie einkaufen, kochen oder putzen zu erledigen gilt. Staubig, weil das Camp mitten in der Wüste ist und laut, weil ununterbrochen Flugzeuge starten und landen.

kofferpacken.at: Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Ryan: Ich hielt mich fit, indem ich Crossfit-Workouts machte und in der KHL (Kandahar Hockey League) Ball-Hockey spielte. Darüber hinaus habe ich mich mit anderen Leuten getroffen. Der Rest bestand viel aus herumhängen, herumspazieren, Karten spielen, lesen und quatschen … ein wirklich großer Teil bestand daraus.

kofferpacken.at: Was hast du von Afghanistan selbst gesehen?

Ryan: Leider durfte ich das Camp aus Sicherheitsgründen nicht verlassen, darum habe ich vom “echten” Afghanistan nicht viel mitbekommen. Alles, was ich von dem Land gesehen habe, war die Aussicht aus dem Flugzeug beim Hin- und Zurückfliegen – wenn ich nicht gerade geschlafen habe.

kofferpacken.at: Wie hat sich dein Kontakt zu Einheimischen gestaltet?

Ryan: Ich habe einige Einheimische kennen gelernt, die jeden Tag zur Basis gekommen sind, um hier zu arbeiten. Sie haben stets gelacht, waren dankbar und haben hart geschuftet. Leider konnte ich aufgrund meines Jobs nicht direkt mit ihnen zusammenarbeiten. Viele der Einheimischen bauten kleine Shops auf, in denen sie Schmuck und Teppiche verkaufen, ich bin oft stehen geblieben um mit ihnen zu tratschen. Einmal in der Woche war Markttag – eine weitere gute Möglichkeit, um zu plaudern.

kofferpacken.at: Wie war die Sicherheitssituation? Hast du dich jemals unsicher gefühlt?

Ryan: Die Situation war sicher. Die Umgebung wurde ununterbrochen überwacht und von den rund 30.000 Menschen im Lager waren 80 Prozent ständig bewaffnet. Ich habe mich nie bedroht gefühlt, wenn ich draußen herumspazierte. Wie auch immer, ein bis zweimal griffen Rebellen mit Raketen das Camp an, davon bekam ich meistens einen Schreck. Das Gefühl, hilflos zu sein, machte mir wirklich zu schaffen. Ich dachte oft: ‘Was, wenn eine Rakete nah genug am Boden aufschlägt und mich tötet oder verletzt?’ Es gab nichts, was ich dagegen hätte tun können – das machte mir wirklich Angst. Also habe ich mich jedesmal, wenn die Sirene losging um vor einer sich nähernden Rakete zu warnen, auf den Boden geschmissen und zu Gott gebetet. Ein wahrlich nervenaufreibendes Erlebnis.

kofferpacken.at: Hat dein Aufenthalt in Afghanistan deinen Blick auf dieses Land verändert?

Ryan: Ja, das hat es. Ich habe realisiert, dass Afghanistan ein wunderschönes Land mit szenischen Landschaften ist. Der Großteil der Einheimischen besteht aus ganz normalen Leuten wie du und ich, die unglücklicherweise in einem Land geboren sind, das seit Hunderten von Jahren im Krieg ist. Die Menschen sind dazu gezwungen, in sehr rauen Bedingungen zu leben. Trotzdem haben es viele der Leute, die ich kennengelernt habe geschafft, jeden Tag zu lächeln. Man sollte nicht das Land selbst als schlecht betrachten. Schlecht sind nur die Rebellen, die sich dort niedergelassen haben. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)