Titelfoto: Diese Langhals-Frau aus dem Stamm der Karen wird Reisenden am Inlesee in Birma (Myanmar) zum Fotografieren präsentiert. Beim genaueren Nachhaken gibt der Reiseleiter zu, dass sie eigentlich aus einer anderen Gegend stammt und für touristische Zwecke missbraucht wird.

Wir glauben, die Welt zu kennen. Dabei verschließen wir die Augen vor allem, was nicht ins Urlaubsbild passt.

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Weil wir in einem bestimmten Teil der Welt geboren sind, können wir reisen. Nicht irgendwie, sondern in der bequemsten Form, die es überhaupt gibt: Wir bezahlen problemlos Flugtickets, übertreten ohne Visums-Hürden alle möglichen Ländergrenzen, surfen stundenlang durch Buchungsplattformen, um die besten Hotel-Schnäppchen zu ergattern. Vor Ort, da kaufen wir sauberes, in Plastikflaschen abgefülltes Wasser. Wenn uns danach ist, gönnen wir uns einen ausgiebigen Restaurantbesuch.

Andere, die in anderen Teilen der Welt geboren sind, die reisen auch. Aber eben anders. In der menschenunwürdigsten, unbequemsten Form, die man sich vorstellen kann: Sie flüchten. Für unsereins ist Reisen der zum Alltag gewordene Luxus. Für sie ist es eine Odyssee, ein Albtraum. Auch für sie ist das Reisen zum Alltag geworden.

In unseren Ländern wollen wir sie nicht haben. Und wenn wir in ihre Länder reisen, dann verschließen wir die Augen. Wir schwimmen auf der touristischen Oberfläche, aalen uns in diesem künstlich erzeugten Gewässer, manchmal tauchen wir kurz unter. Aber meistens wollen wir dann ganz schnell wieder hinauf. Wir wollen süße Tiere fotografieren und auf Elefanten reiten. Ob die illegal im Wald gefangen wurden, scheint egal zu sein. Wir wollen ethnischen Minderheiten näherkommen. Dass ihre Gemeinschaften längst durch den Tourismus verseucht wurden oder sie aus Profitgier benutzt werden (wie die Langhals-Frau aus der Grenzregion zwischen Thailand und Birma im Titelbild), das hinterfragen wir nicht.

Machen wir uns selbst etwas vor, wenn wir reisen? Wie viel Wahrheit vertragen wir? Wollen oder können wir gar nicht mitbekommen, was hinter dem touristischen Vorhang wirklich läuft? Flüchtlingsdramen, Naturkatastrophen, Menschenrechtsverletzungen, Kinderprostitution, illegaler Tierhandel, Menschenhandel, Drogenschmuggel und all die anderen Dinge, die man beim Reisen gerne ignoriert, spielen sich oft in unmittelbarer Nähe ab.

Ob man Länder, in denen anderen Unrecht geschieht, überhaupt bereisen soll, ist eine ethische und hochkomplizierte Frage. Einerseits kann man so die lokale Bevölkerung unterstützen, andererseits unbeabsichtigt ein menschenverachtendes Regime oder eine kriminelle Gruppe. Bestimmt, es kommt darauf an, wohin man reist und wie man unterwegs ist. Es gibt viele Möglichkeiten, sich Ländern etwas wahrhaftiger anzunähern, zum Beispiel Couchsurfing oder Freiwilligenarbeit (die gut überlegt sein will).

Egal, für welche Form des Reisens wir uns entscheiden: Es ist unsere Pflicht, dieses kostbare Gut, das Reisen des Reisens wegen, absolut zu schätzen. Und, aktueller denn je: Wir müssen uns informieren, die örtliche Tageszeitung lesen, mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Wir dürfen nicht wegschauen, sollten uns für andere einsetzen und Gutes wie Schlechtes als Meinungsführer weiterverbreiten. Die Wahrheit kann man nicht beschönigen. Aber am wenigsten hilft es, die Augen vor ihr zu verschließen.