Langsam zu reisen ist kein Lifestyle. Es muss von innen heraus kommen. Dann ist es ein wunderbares Geschenk.

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Stellt euch vor, ihr kommt aus einem anderen Land. Und würdet in Österreich Urlaub machen. Ein kleiner Staat, 83.000 Quadratkilometer, 8 Millionen Einwohner. Eine Woche reicht da bestimmt, würdet ihr wahrscheinlich denken. Vielleicht habt ihr gar nicht länger Zeit. Einen Flug buchen, ein Auto oder Zugtickets, Hotels. Eure erste Station wäre wohl Wien, dann würdet ihr weiterhetzen nach Salzburg. Und von dort aus nach Hallstatt.

Heißt viel sehen auch viel erleben?

Nach einer Woche hättet ihr in einem überteuerten Lokal im ersten Wiener Bezirk Schnitzel gegessen. Und euch in Salzburg gemeinsam mit gefühlt Tausend anderen Touristen durch Mozarts Geburtshaus geschoben. Ihr hättet bestimmt auch im Kanon mit Hunderten Asiaten die denkmalgeschützten Fassaden von Hallstatt fotografiert. Ja, ihr hättet viel gesehen in einer Woche. Aber hättet ihr auch viel erlebt?

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Wahrscheinlich nicht. Denn um intensiv zu erleben, muss man sich Zeit nehmen. Sich treiben lassen, ein Land erspüren. Zumindest ein bisschen an der Oberfläche kratzen. Nur einen kleinen Schritt zur Seite machen. Dann sieht die Urlaubswelt zwar ein wenig glanzloser aus. Sie wird aber auch ein Stück weit echter. Man fängt an, zwischen den Reisezeilen zu lesen.

Langsam reisen heißt in den Lebensalltag anderer eintauchen

Man entdeckt Dinge, die viel mehr mit Leben gefüllt sind sind als die typischen Sehenswürdigkeiten oder das angeblich Authentische. Nämlich deshalb, weil sie in den Lebensalltag von Menschen eingebaut sind. Wer langsam reist, der schafft sich selber die Möglichkeit, ein Land auf eine einmalige Art und Weise zu entdecken. Nämlich so, wie es sonst niemand sonst zuvor getan hat.

Wäre ich eine ausländische Touristin in Österreich – ich würde auf Mozart & Co. pfeifen. Dagegen würde ich mich glücklich schätzen, ein grindiges Zeltfest am Land miterleben zu dürfen. Oder eine Beisltour durch Wien. Schöne Foto würden dabei (angesichts des Alkoholkonsums) wahrscheinlich nicht entstehen. Aber unvergessliche Erinnerungen.

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Die schönsten Stunden in Belgrad verbrachte ich spätnachts unter einer Brücke. Da, wo sich die Einheimischen zum „Fortgehen“ treffen, weil ihnen das Geld für teure Clubs fehlt. Die innigsten Momente in Lissabon waren jene, als ich bei einer vierköpfigen Familie zum Essen eingeladen war. Und in Danzig, Polen, schenkte mir ein altes Ehepaar etwas ganz Besonderes: Sie gaben mir einen Einblick in jene Zeit, als der Eiserne Vorhang Europa in zwei Teile trennte. Seither habe ich eine spezielle Verbindung zu all diesen Orten. Eine viel intensivere, als es das Abgrasen von Museen und Sehenswürdigkeiten ermöglichen würde.

Langsam zu reisen ist kein Lifestyle

Langsam reisen ist kein Lifestyle. Es muss von innen heraus kommen. Mein eigener Reisestil hat sich mit den gesammelten Reisejahren Schritt für Schritt verlangsamt. Warum? Ich habe in mich gehört und jedes Mal festgestellt: Die wirklich prägenden Erfahrungen waren jene, bei denen ich nicht auf die Uhr geschaut habe. Zum Beispiel bei meiner ersten Reise nach Paris, die ich im Nachtzug antrat. Voller Vorfreude, stressfrei und mit einem schnarchenden Zeitgenossen am Vordersitz. Die Ankunft am Bahnhof Gare de l’Est war ein unvergesslicher Moment. Gerade küsste die Morgensonne die Stadt wach.

Oder als ich in jungen Jahren in einem Café in Nordirland gejobbt habe. Ich war die „Zuagroaste“ in einem kleinen Dorf. Und blieb dort, so lang es nur irgendwie ging. Noch einen Monat. Und noch einen Monat. Das gab mir die Möglichkeit, jeden Tag noch ein Stückchen tiefer ins örtliche Leben einzutauchen. Ganze Nachmittage und halbe Nächte habe ich im Pub verbracht. Noch heute weiß ich, wie der Holzboden knarzt, wenn man eintritt. Und dass ich mich sofort wieder wie zu Hause fühlen werde, wenn ich zurückkehre (und das habe ich viele Male gemacht).

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Oder als ich fast ein halbes Jahr lang durch die (halbe) Welt gereist bin. Ich habe viele potenzielle Must-Sees ausgelassen. Aus einem Grund: Um im Hier und Jetzt zu leben. Und das zu genießen, was ich in diesem Moment als richtig empfand. In Vietnam waren das die lustigen Treffen mit Einheimischen und Couchsurfern in Hanoi. In Neuseeland hielt ich mich vom Actionparadies Queenstown fern und wanderte Tage lang der Küste entlang. In Kambodscha lernte ich einen Tuk-Tuk-Fahrer kennen, mit dem ich mich anfreundete. Und der mir ein kleines Stück seiner Heimat vor Augen führte.

Sich Zeit nehmen und widerstehen

Zurück zum Österreich-Beispiel am Anfang dieses Textes. Schade, wer in unserem wunderschönen Land nur die Wiener Hofburg und Mozarts Geburtshaus zu sehen bekommt, oder? Haben wir nicht viel mehr zu bieten? Hat nicht jedes Land viel mehr zu bieten als das, was in den Reiseführern beschrieben steht?

Warum jetten wir dann manchmal trotzdem von Must-See zu Must-See? Warum muss es immer das Flugzeug sein? Warum bleiben wir immer nur kurz in einer Stadt und nicht einmal für zwei Wochen? Für vier? Oder für zwei Monate? Langsamreisen heißt, zu widerstehen. Und sich auf unbekannteres Terrain zu begeben. Denn die prägenden Erlebnisse, die richtigen Abenteuer, verstecken sich oft im Unscheinbaren. Dafür muss man sich Zeit nehmen. Und macht sich gleichzeitig ein wunderbares Geschenk.

 

Sieben Tage, sieben Reisetipps

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Projekts #7ways2travel entstanden. Eine gemeinsame, langfristige Aktion von sieben heimischen Reisebloggern. Jeden Monat schreibt jeder von uns über ein ausgewähltes Thema. Im Februar 2017 gibt jeder von uns einen Einblick in seine persönliche Reise-Philosophie. Melanie von Urlaubsgeschichten.at ist zum Beispiel gerne in geselligen Mädels-Runden unterwegs.

7ways2travel Reiseblogger Österreich

Hier könnt ihr lesen, wie die anderen Reiseblogger von #7ways2travel gerne reisen:

Angelika von Wiederunterwegs.com lässt ihren Hund nur selten allein.
Melanie und Jürgen von Lifetravellerz.com sind am liebsten mit ihrem VW Bus unterwegs.
Cori und Flo von Travelpins.at haben eine Leidenschaft für aktive Genussreisen.
Gudrun von Reisebloggerin.at besucht gerne Buchläden und ist auch sonst literarisch unterwegs.
Gerhard von Andersreisen.net ist häufig mit dem Zug unterwegs.
Melanie von Urlaubsgeschichten.at macht am liebsten Mädels-Urlaub.