Fotoquelle: Shades Tours

Wie fühlt sich das an, wenn man plötzlich kein zu Hause mehr hat? Wo kriegt man Hilfe? In Wien zeigen Obdachlose bei einer Tour ihre Sicht auf Wien. Shades Tours heißt das Projekt.

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Wien, später Nachmittag. Ein eisiger Wind zieht durch die Häuserschluchten. Die Teilnehmer der Führung reiben sich fröstelnd die Hände. Regen, Dunkelheit. Tourguide Barbara lässt sich nichts anmerken. Sie hat bestimmt schon Schlimmeres erlebt. Drei Wochen lang hat sie auf der Straße gelebt. Vier Monate war sie insgesamt ohne Obdach, dann ist sie bei einer Bekannten untergekommen. Bald wird sie wieder eine eigene Wohnung haben. „Da bin ich zuversichtlich“, sagt sie.

Obdachlose schauen doch anders aus  – oder?

Barbara steht schnurgerade da. Die Brille, die langen Haare, die filigranen Finger – das wirkt alles sehr vornehm. Und so ganz anders, als sich wahrscheinlich die meisten Menschen eine obdachlose Person vorstellen. Barbara ist außerdem adrett angezogen. Sie wirkt energiegeladen, motiviert. Sie ist eloquent. Findet für jede Situation die richtigen Worte.

„Es gibt drei Kategorien von Obdachlosigkeit“, erklärt sie. Personen, die ganz ohne Schutz auskommen und im öffentlichen Raum schlafen. Menschen, die wohnungslos sind, aber in Notschlafstellen nächtigen. Und jene, die von verdeckter Obdachlosigkeit betroffen sind und bei Freunden, Verandten oder beim Partner unterkommen. „Dabei handelt es sich vor allem um Frauen, die in Beziehungen bleiben – nur damit sie nicht auf der Straße schlafen müssen“, führt sie aus.

„Obdachlosigkeit ist eine Holschuld“

Barbara weiß viel über das Thema Obdachlosigkeit zu berichten. Und wie man in Wien damit umgeht. Rund 1.200 Menschen leben Schätzungen zufolge auf der Straße. Wien ist eine soziale Stadt, das zieht auch Menschen aus anderen Ländern an. Trotzdem: „Obdachlosigkeit ist immer eine Holschuld“, sagt Barbara. „Man muss sich zurechtfinden, hartnäckig bleiben und sich aktiv um Hilfe bemühen.“ Hungern müsse in einer Stadt wie Wien übrigens niemand. Aber als Betroffener müsse man erst einmal herausfinden, wo es Hilfe gibt.

3 Fragen an Perrine Schober, Gründerin von Shades Tours

Vor welche Hürden hat Sie dieses Projekt gestellt?

Die erste Hürde war, die unterschiedlichen Sozialeinrichtungen und Träger von mir und von der Idee zu überzeugen. Nach vielen erklärenden Gesprächen waren sie sogar begeistert und haben mich unterstützt. Das tun sie bis heute.

Welche Herausforderungen bringt der laufende Betrieb mit sich?

Es war eine Herausforderung, die Guides von ihrer Tätigkeit zu überzeugen. Und zu erklären, wie Shades Tours ihre soziale Schwäche in soziale Stärke transformieren kann. Einer meiner Guides sagt selbst: "Ich wollte immer Lehrer werden. Doch ich hätte nie gedacht, dass ich in so einem Thema Experte werden könnte. Als Shades Tours-Guide lehre ich soziale Kompetenz und soziale Verantwortung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene."

Eine der wahrscheinlich wichtigsten Eigenschaften ist die Flexibilität, mit der ich täglich umgehe. Es kommt schon einmal vor, dass mich in der Früh ein Guide anruft und nicht kommen kann, weil er in der Notschlafstelle eine Faust in die Magengrube bekommen hat und im Krankenhaus liegt.

Wie fallen die Rückmeldungen von Tour-Teilnehmern bisher aus?

Die Rückmeldungen sind überwältigend und berührend. Am häufigsten sind Teilnehmer darüber überrascht, wie viel sie über Obdachlosigkeit noch nicht wussten. Das hören wir sowohl von Kindern als auch von Politikern. Besonders angetan sind unsere Teilnehmer von unseren Guides. Natürlich! Sie sind ja auch die Seele unserer Touren und geben der Obdachlosigkeit ein Gesicht. Sie sind besonders überrascht, wenn sie sehen, dass all unsere Guides gebildete, intelligente und starke Persönlichkeiten sind.

Barbara war einmal da, wo niemand in unserer auf Karriere und Status erpichten Gesellschaft sein möchte. Sie war schwer krank. Deshalb wurde sie mittellos. Und war auf einmal ohne jede Hilfe. „Ich habe damals extrem mit den Vorurteilen gekämpft, die ich auf den Behörden zu spüren bekam“, erzählt sie heute.

Heute. Ja, heute hat sie diese Zeit zu einem größeren Teil überwunden. Auch Dank der Hilfe von Perrine Schober, der Gründerin von Shades Tours. Das Start-up bietet seit einem guten Jahr Touren durch Wien an, geführt von Obdachlosen, Wohnungslosen oder ehemals Obdachlosen.

Obdachlose führen durch Wien_Shades Tours

Tour von Obdachlosen kommt an

Barbara ist eine von aktuell drei Guides. Für sie geht es weiter bergauf, denn sie macht ab 2017 eine Ausbildung zur staatlich geprüften Fremdenführerin. Einer der anderen Guides arbeitet ab dem nächsten Jahr als Sales Manager bei Shades Tours, wo man bald neue Guides rekrutieren will.

Genau darum geht es bei dem Konzept: Vorübergehend Arbeitsplätze zu schaffen, damit obdachlose Menschen wieder eine Wohnung bekommen und langfristig in den Arbeitsmarkt zurückfinden. Danach besteht die Möglichkeit, im Back-Office oder als Trainer für neue Guides bei Shades Tours zu arbeiten. Im Jahr 2016 wurden insgesamt 130 Touren geführt, an denen 1.800 Personen teilgenommen haben.

„Man wird bescheidener“

Im Schweizer Park wird der Regen stärker. Die Teilnehmer verabschieden sich, ab in die warmen eigenen vier Wände. Da taucht noch eine Frage auf: Wie ist das eigentlich, wenn man völlig aus der Bahn geworfen wird und diesen Tiefpunkt überwindet? Wie ändert das die Sicht aufs Leben? „Man lernt, die Grundbedürfnisse mehr zu schätzen, wird bescheidener“, antwortet Barbara, die in ihrem früheren Leben selbständige Galeristin war.

Info:

  • Shades Tours wurde 2015 von Perrine Schober gegründet. Die Österreicherin hat in Deutschland Tourismusmanagement studiert. Das Social Business finanziert sich zur Gänze aus den Einnahmen der Touren. Für sein Engagement hat das Unternehmen den Austria Sozialpreis 2016 erhalten.
  • Tickets für Touren gibts ab 15 Euro (zwei Stunden). Information und Buchung: http://www.shades-tours.com/