Wenn aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate werden. Wie es sich anfühlt, wenn man selbst zum Langzeitreisenden wird.

****

Ich merke erst, dass ich da angekommen bin wonach ich mich gesehnt hatte, als mich jemand nach der Uhrzeit fragt. Ich habe keine Ahnung. Seit Monaten verzichte ich auf Armbanduhr und Smartphone. Nur im Ernstfall, wenn ich frühmorgens einen Bus oder Zug erwischen muss, werden derlei Geräte eingesetzt. Am liebsten würde ich ewig ohne auskommen.

Ich fühle mich durch die technische Enthaltsamkeit eher bereichert als dass mir etwas abgehen würde. Und das Schönste daran: Die Zeit vergeht verdammt langsam. Erstens, weil man sich nicht ständig nach ihr richtet. Zweitens, weil man hier und jetzt, im Augenblick lebt. Alles mitnimmt, was auf einen zukommt. Und Hirn und Herz so frei sind, dass man jede Begegnung, jedes Erlebnis so intensiv wie möglich aufnehmen kann.

Monatelang Nichtstun, geht das?

Schlafen, bis einen der Hunger weckt und so lange am Strand liegen, bis die Sonne untergeht. Das sind die Bilder, die man im Kopf hat, wenn sich jemand für mehrere Monate aus dem Alltag verabschiedet. Und sie stimmen! Aber nur teilweise. Denn es gibt Millionen von Dingen, die man auf so einer Reise anstellen kann. Die Liste ist endlos lang, und das simple Nichtstun steht dabei meistens gar nicht so weit vorne. Oft versinkt man stundenlang im Chaos einer Stadt. Geht bewusst verloren. Radelt endlos lang der Sonne entgegen oder schaut Kindern beim Baden im Fluss zu. Irgendwie macht man immer was, aber viel bewusster als daheim, wenn man den Job, den Großeinkauf, die nächste Familienfeier und eine niemals schrumpfende To-Do-Liste im Kopf hat.

Langzeitreisen: Monate lang barfuß laufen.

Langzeitreisen: Barfuß laufen und die Umgebung ganz bewusst wahrnehmen.

Wie viel Mut gehört dazu, die Reise seines Lebens anzutreten?

Wer länger reist, sieht das Unterwegssein nicht als Urlaub an. Es wird zum Alltag – zugegeben, zu einem sehr ereignisreichen, sehr schönem Alltag. Als ich Österreich verließ, meinten viele Kollegen: „Du bist so mutig!“ „Ich bin nicht mutig. Das ist der Verlauf meines Lebens und ich will, dass es genau jetzt passiert“, antwortete ich. Mut gehört freilich nicht dazu, seine Siebensachen zu packen und loszuwandern. Reisen ist heutzutage einfach – vielleicht zu einfach. Mutig sind vielmehr die Menschen, die man unterwegs trifft und die das Leben oft unter ganz anderen Voraussetzungen bewältigen. Oder diejenigen, die reisen, um anderen zu helfen. Oder die Entdecker aus früheren Zeiten, die wochenlang mit dem Schiff auf Hoher See ausharrten, um auf absolutes Neuland zu stoßen.

Langzeitreisen: Wieder Kind sein am Strand.

Langzeitreisen heißt auch: Wieder Kind sein am Strand.

Langzeitreisen: Was ist so faszinierend daran?

Was könnte daran nicht faszinierend sein? Es ist die absolute Freiheit! Es ist ein Eintauchen in Welten, von denen man niemals geahnt hätte. Es ist Glück, das ganz tief von innen kommt. Jeden Tag neue Emotionen. Vertrauen in die Welt. In sich selbst. Eindrücke, die das Hirn zum Querdenken ankurbeln. Die eigenen Gedanken werden weniger oberflächlich. Dasselbe gilt für die Gespräche mit anderen. Man redet nicht über Termine, Geld, Erfolg. Muss nicht versuchen, sich darzustellen. Man redet über das, was einen bewegt. Alles, was man besitzt, trägt man am eigenen Leib und im Rucksack. Materielles wird nicht nur zweit-, sondern absolut letztrangig. Das schafft Platz für eine Masse an Dingen, die man mit Geld niemals kaufen kann.

Das alles ist echt. Es ist Wahnsinn. Und es kann jedem so gehen. Unter eine Voraussetzung: Man muss sich zu 100 Prozent darauf einlassen. Reisen ohne Ende, das ist dann richtig fabelhaft.

****

Tipps für Langzeitreisende gefällig? Bitte sehr.