Die zweitgrößte Stadt Griechenlands punktet mit dem, was Berlin einst zur Kultstadt werden ließ: Günstige Preise, offen für Immigranten, alternative Szene und schäbiger Schick, der Künstler anzieht.

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Man könnte sagen, Thessaloniki ist heruntergekommen. Ein Häusermeer im Norden Griechenlands, das sich von der Ägäischen Küste bis in die Hügeln im Hinterland zieht. Auslagen stehen leer, in der Altstadt ganze Häuser, Graffiti auf den Wänden. Wenn es regnet, schaut die Stadt trist aus. Dunkle Wolken am Himmel, die Wellen peitschen gegen die kilometerlange Uferpromenade.

Wenn die Sonne scheint, erstrahlt die Stadt in einem ganz anderen Licht. Die vielen schicken Cafés, Tavernen und Bars sind dann bummvoll mit Leuten, die an ihrem Freddo Capuccino nippen. Ein Teil des Hafens wurde zur Ausgehmeile ummodelliert: In der Kitchen Bar treffen sich junge Trendsetter, in den Clubs etwas außerhalb wird die ganze Nacht lang durchgefeiert. Man könnte sagen, Thessaloniki ist jung und hipp. Und hat die allerbesten Zeiten womöglich sogar noch vor sich.

Blick über Thessaloniki

Thessaloniki Regenschirme

Thessaloniki Promenade

Es heißt, da wo es den Menschen gerade nicht so gut geht, herrscht ein besonderer kreativer Geist. Aufbruchstimmung, die Leute beginnen, nach Alternativen zu suchen. Die Partys fallen länger und wilder aus als sonst, man weiß ja nicht, wie es weitergeht. Und hat wenig zu verlieren. Das zieht wiederum Künstler an. So war es auch damals in Island, das erste Land, das hart von der globalen Finanzkrise getroffen wurde. Auch in Thessaloniki trotzen viele dem Dämon Krise.

Thessaloniki Künstlerkollektiv

Vassilia und Yiannis, Künstlerkollektiv „Wood für the Soul“

Zwei davon sind Vassilia und Yiannis. Sie haben sich vor einem Monat als Künstlerkollektiv Wood for the Soul selbständig gemacht. Ihre Geschäftsidee: Von Hand angefertigte Möbelstücke aus Holz, oft aus alten Objekten, die Leute normalerweise wegschmeißen. Bereits zu erwerben sind zum Beispiel ein modern-nostalgischer Esstisch, ein Katzenhaus aus Holz, Holzskulpturen und Sesseln. „Ja, es ist verrückt, so etwas in Zeiten wie diesen zu machen“, sagt der 50-jährige Yiannis. „Aber wir glauben daran, wir kämpfen. Ich mache mir keine Gedanken, ich will einfach nur arbeiten.“

Galerie in Thessaloniki

Aliki Tsirliagkou, Nitra Gallery

Ähnlich sieht das Aliki Tsirliagkou. Die 33-jährige hat in London studiert und vor zwei Jahren die Nitra Galerie eröffnet. „Die Gegend ist etwas schäbig, aber die Mieten sind leistbar. Ich wollte nicht nach London oder Istanbul, sondern hier in meine Heimat. Hier habe ich das Gefühl etwas zu machen, das auch meinem Land gut tut“, sagt sie. Ja, es sei hart im Moment. Man müsse gefühlte Hundert Mal härter arbeiten um etwas zu erreichen, als andernorts. „Das einzig Gute daran ist, dass Griechenland Aufmerksamkeit bekommt. Das hat mir dabei geholfen, Publicity zu erlangen.“ Für sie, sagt sie, sei Thessaloniki das neue Berlin.

Thessaloniki Object Repair

Nikos und Christos von „Object Repair“

Seit mittlerweile fünf Jahren gibt es Object Repair von Nikos Iosif und Christos Sellas. Sie sammeln Altes von der Straße und von Flohmärkten und reparieren oder transformieren es. „Dabei konzentrieren wir uns auf Produkte aus den 60er und 70er Jahren“, erzählt Nikos und zeigt auf eine Tischlampe, angefertigt aus einem kaputten Stuhl.

Aristotelesplatz in Thessaloniki

Thessaloniki ist eine junge Metropole: Rund zehn Prozent der Einwohner sind unter 25 Jahre alt. Mit um die 100.000 Studenten beherbergt Saloniki, wie es die Einheimischen nennen, die meisten Studenten des Landes. Mehr noch als die Hauptstadt Athen. Ein Ort, an den auch gerne internationale Studierende kommen, viele aus Serbien oder der Türkei. Aber auch Studenten aus anderen Teilen Europas, die das europäische Austauschprogramm Erasmus nutzen.

Unter der Woche trifft man sich bei der Rotunda, einem Kuppelbau aus römischer Zeit, wo es in einer Bar Bier um 90 Cent zum Mitnehmen gibt. Am Wochenende werden Partys in der Universität gefeiert. Eine junge Türkin, die ein Jahr hier verbracht hat, kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Von vielen Seiten hört man, dass Erasmus-Studenten weinen, wenn sie Thessaloniki wieder verlassen müssen. (Oft, so wird gemunkelt, ist natürlich auch eine neu gewonnene Liebe mit im Spiel).

Thessaloniki Torbogen

Flohmarkt in Thessaloniki

Die Kulturen und Ethnien in Thessaloniki sind seit jeher vermischt, das merkt man am Essen, an der Mentalität, der Atmosphäre. Mit dem Auto sind es knappe sieben Stunden ins türkische Istanbul, sechs Stunden nach Tirana in Albanien und fünf in die bulgarische Hauptstadt Sofia. Die Stadt stand unter Römischer und 500 Jahre lang unter Osmanischer Herrschaft. Auch viele Juden ließen sich einst hier nieder. „Trotz der vielen Ethnien gab es hier niemals ein Ghetto – bis heute nicht“, sagt Georgios, der in Thessaloniki aufgewachsen ist.

Als Tourist fühlt man sich in Saloniki noch ein bisschen als Entdecker. Man hat die Stadt mehr für sich als anderswo. Dass sich junge Leute hier wohlfühlen, ist auch klar: Die Wohnungsmieten sind viel geringer als in anderen Teilen Europas, Wohnungen gibt es ab 3 bis 5 Euro pro Quadratmeter. Zwischen den Wohnhäusern mit den engen Balkonen, den vielen kleinen Plätzen und Vierteln mit Cafés an jeder Ecke ragen immer wieder Mauern und Bauwerke aus einer längst vergangenen Zeit hervor. Beim Spazierengehen kommt man sich vor, als würde man durch ein offenes und sehr belebtes Museum wandeln.

Thessaloniki Stadtmauer

Hoch oben über dem Häusermeer, stets mit Blick aufs Meer, streift man entlang der alten Byzantinischen Stadtmauer. Hier oben liegt Ana Polis, die Altstadt. Als Thessaloniki im Jahre 1917 einem Brand zu Opfer fiel, blieb dieser Teil erhalten. Hier oben verstummt der Lärm der Straßen, Pflastersteine, liebevoll gestaltete Gärten, bunt gestrichene Häuser und kunstvoll verzierte Türschilder prägen das Bild. Manche Häuser sind verfallen und werden von Anarchisten oder Roma bewohnt. Die Stadtmauer mit ihrer weitreichenden Aussicht ist ein beliebter abendlicher Treffpunkt für Jugendliche und Verliebte.

„Thessaloniki hat nicht so viele Sehenswürdigkeiten wie andere Städte, ist laut und nicht allzu sauber“, so fasst es Georgios zusammen. „Trotzdem leben hier alle gerne. Die Stadt hat etwas besonders, einen speziellen Vibe, es ist eine Stadt zum Leben.“

 

Koffer packen und los geht’s:

  • Anreise: Direkt mit Austrian Airlines, über Athen mit Aegean Airlines
  • Es lohnt sich, die Stadt für ein paar Tage zu erkunden und dann per Mietwagen auf die Halbinsel Chalkidiki zu fahren, um den Städtetrip mit einem Badeurlaub zu verbinden.
  • www.handpeak.gr bietet geführte Stadtführungen in Thessaloniki an. Touristen können dabei zum Beispiel auf Künstler und Handwerker treffen.
  • Sehenswürdigkeiten: Neben dem Wahrzeichen der Stadt, dem White Tower, und diversen Museen sind vor allem der Flohmarkt, der offene Markt und die vielen Cafés, Bars und Restaurants einen Besucht wert.
  • Strand gibt es in der Hafenstadt keinen, aber in der Nähe. Schöner sind die Strände auf der Halbinsel Chalkidiki, zu denen man zwischen eineinhalb und zwei Stunden mit dem Auto fährt.
  • Genusstipp: Im Viertel Ladadika gibt es unzählige Tavernen und Bars.
  • Hoteltipp: Hotel Porto Palace, etwas außerhalb gelegen, aber mit Bus oder Taxi gut erreichbar; ruhige Anlage abseits des Trubels der Stadt, zwei kleine Pools mit Sicht über den Hafen auf der Dachterrasse
  • Hosteltipp: Das Arabas Hostel hat einen Garten und liegt ein bisschen abgelegen in der Altstadt; das Thess Hostel ist gleich beim Bahnhof und hat ausschließlich Doppelzimmer.

Offenlegung
Wir waren im Juni 2015 mehrere Wochen lang in Griechenland unterwegs. Das Flugticket wurde von Aegean Airlines gesponsort, die Teilnahme an einem viertägigen Bloggerevent von Marketing Greece. Den Rest der Zeit waren wir individuell und auf eigene Kosten unterwegs. Meinungen, Bilder und Texte sind wie immer „hausgemacht“.

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