Foto: Zeltlager von Demonstranten, die gegen die Regierung protestieren (Aufnahme stammt von Mitte Juni 2015).

Mazedonien – ein grünes, unentdecktes Juwel. Nur die Hauptstadt Skopje passt nicht ins Bild: Sie wird aus dem Boden gestampft, als würden die Stadtpolitiker mit riesigen Legosteinen spielen.

****

Mazedonien. Eines dieser Länder, das nicht mal ein Fleck auf der touristischen Landkarte ist. Das Land hat keinen Zugang zum Meer und wird meistens nur von denen besucht, die auf der Durchreise in ein anderes Land am Balkan sind. Auch das sind nicht die Massen. Wer dennoch ein paar Tage hier verbringt, begibt sich abseits ausgetrampelter Pfade. Und in ein kleines, grünes, unentdecktes Paradies – mitten in Europa.

Felder, Hochebenen, Bergrücken, Weinreben

Die Republik ist tatsächlich nicht groß: Von Nord nach Süd dauert es mit dem Bus gerade Mal drei Stunden. Der Zwei-Millionen-Einwohner zählende Staat ist dünn besiedelt, vom Busfenster aus sieht man hauptsächlich, Felder, Hochebenen, grüne Bergrücken und Weinreben. Die liebliche Landschaft schreit nach mehr. Wahrscheinlich wäre ein Mietwagen (die Straßen sind gut) die bessere Option, um das ländliche Mazedonien zu erkunden. In die Hauptstadt, nach Skopje, fahren aber Busse aus vielen Ländern des Balkans.Mazedonien_Skopje_Matka_Canyon_kofferpacken

Zwei große Themen beherrschen aktuell die mazedonische Hauptstadt: „Skopje 2014“ und die politische Krise.

„Skopje 2014“ ist das Vorhaben der Stadtväter, das Zentrum mit beeindruckenden, prunkvollen Gebäuden herauszuputzen. Einerseits, um Macht zu demonstrieren, andererseits um Touristen anzulocken. Zweiteres könnten sie damit sogar erreichen: Was da aktuell aus dem Boden gestampft wird ist so skurril, dass man bestimmt noch davon hören wird.

Halb Skopje, eine Baustelle

Halb Skopje ist eine Baustelle, besonders entlang des Flusses Vardar wurden innerhalb kürzester Zeit Protzbauten im Barockstil mit vielen Säulen aufgezogen, überdimensionale Statuen von Volkshelden aufgestellt und prunkvolle Brücken gebaut. Es wäre, als hätten die Stadtväter riesige Legosteine gekauft, die sie jetzt stolz wie kleine Kinder wahllos aufeinandersetzen.

Baustelle in Skopje, Mazedonien

Unwirklich: Skopje, Mazedonien

Bauprojekt Skopje 2014

Die Einheimischen halten naturgemäß wenig davon. „Wenn auf der einen Straßenseite die Leute um essen betteln und auf der anderen solche Gebäude stehen, kann uns das nicht gefallen“, echauffiert sich ein Fotograf. Die Kosten seien ins Unermessliche gestiegen, Korruption und Vetternwirtschaft profitieren.Steinbrücke in Skopje

Weil Skopje 1963 von einem schweren Erdbeben zerstört wurde, gibt es ohnehin nicht mehr viele alte Gebäude. Sehenswert sind die Steinbrücke (Foto)  über den Fluss Vardar und die Altstadt, die aus der Zeit der Osmanen stammt und „Grand Pazar“ genannt wird. Bei freiem Eintritt kann man außerdem das Museum von Mutter Teresa besuchen, die in Skopje geboren ist.

Grand Pazar in Skopje

Demonstranten und Gegendemonstranten

Das zweite aktuelle Thema in Mazedonien sind die Proteste wütender Bürger, die auch durch die europäischen Medien gingen – und aktuell wieder gehen. Auslöser: Illegales Abhören von Bürgern, Korruption, angeblicher Wahlbetrug. Und die strenge Hand der Regierung. „Wir haben keine Demokratie, es ist eine Diktatur“, erzählt jemand. Nur, wer die Parteilinie des Premiers fahre, habe Zugang zu Jobs und einem besseren Leben.

Proteste in Skopje

Über Wochen hinweg campierten die Demonstranten vor dem Regierungsgebäude. Auch eine Gruppe von Gegendemonstranten, die die Regierung unterstützten, hatte sich formiert. Angeblich wurden sie von der Regierung dafür bezahlt. Mittlerweile steht fest: Im April 2016 soll es vorgezogene Neuwahlen geben, bis dahin eine noch nicht fixe Übergangsregierung.

Kleingeld für die Bettler

Obwohl es an Geld und Jobs zu fehlen scheint, ist die Stimmung in Skopje allgemein sehr ausgeglichen. Die Hektik anderer Städte ist hier nicht zu spüren. Ein paar junge Aktivisten treffen sich jedes Wochenende in ihrem Zentrum Kula, wo sie Salate schnipseln, um anschließend Essen an die Mittellosen zu verteilen. In den Kavanas, den traditionellen Gasthäusern, sieht man oft Bettler, denen die Gäste wie selbstverständlich Kleingeld zustecken. „Es ist ganz normal, ihnen etwas zu geben, viele Leute machen das“ erklärt Lena, 23. Und das, obwohl die Meisten es selber gut gebrauchen könnten.

Grüner Markt in Skopje, Mazedonien

Das Alltagsleben ist geprägt von den „Grünen Märkten“ (Selano Pazar). Es sind einfache Basare, oft in Hinterhöfen von ganz normalen Wohnhäusern. Zu kaufen gibt es frisches Obst und Gemüse. Und zwar vor allem das, was den Speiseplan in Mazedonien prägt: Paprika, Tomaten, Zucchini, Weinblätter (Foto). Nach dem Einkaufen stärkt man sich mit Mekita, einem ungefüllten Teigkrapfen, in viel Fett herausgebacken.Mektita, Teigtasche in Mazedonien

Die EU? So nah und doch so fern.

Mazedonien wäre mehr als bereit, der EU beizutreten, seit zehn Jahren ist es Beitrittskandidat. Gehindert wird es stets von Griechenland, weil Mazedonien denselben Namen trägt wie die griechische Region Makedonien. Eigentlich aber ist es kein Namensstreit: Griechenland fürchtet, dass Mazedonien Gebietsansprüche stellt.

Die Zukunft? Ein Schulterzucken.

Rund ein Drittel der Bevölkerung ist arbeitslos, der Durchschnittslohn liegt bei 350 Euro im Monat. Junge Leute sehen der Zukunft nicht sehr optimistisch entgegen, weniger deprimiert, mehr mit einem Schulterzucken. „Ich bin es gewohnt, kein Geld zu haben“, sagt Lena. Die 23-Jährige hat an der Kunstuni studiert. Einen Job zu finden, das sei richtig schwierig. Vor allem, weil man dafür der Partei beitreten müsse. Wie viele andere wohnt Lena bei ihren Eltern, „tagsüber gehen wir in den Park, in eine Kavana , abends in Clubs.“

Sie will ihr Glück erstmal in der serbischen Hauptstadt Belgrad versuchen, dort gebe es mehr Möglichkeiten. Sie wird einen Bus dorthin nehmen. Irgendwann, bald. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

 

Koffer packen und los geht’s:

  • Ab nach Skopje: Flug mit Austrian Airlines von Wien nach Skopie. Die mazedonische Hauptstadt ist außerdem unter anderem von Belgrad, Tirana und Thessaloniki einfach per Bus zu erreichen.
  • Ab in den Gastgarten: Die Kavanas sind die traditionellen Gasthäuser in Mazedonien. Neben viel Fleisch stehen vor allem frische Salate und kleine Snacks wie gegrillter weißer Käse, pberbackene Bohnen, mit Käse überstreute Brotstücke oder paniertes Gemüse auf den Speisekarten. Einheimische bestellen üblicherweise kleine Portionen unterschiedlicher Speisen für den gesamten Tisch, ähnlich dem Meze in Griechenland und Zypern.
  • Ab ins Grüne: Ausflugsziel Nummer Eins für Naturfans ist der 15 Kilometer entfernt liegende Canyon Matka (Foto oben): Ein Fluss, der sich sechs Kilometer lang durch eine Gebirgsschlucht schlängelt und am Ende aufgestaut wird. Man kann auf einem schmalen Weg entlang des Wassers wandern, sich ein Kajak ausborgen oder per Motorboot zu den Höhlen fahren. (Linienbus Nr. 60 von Skopje aus)