Ein 24-jähriger Brasilianer schießt beim Reisen jeden Tag ein Selfie von seinem wachsenden Bart. Das Ergebnis ist ein haarig-herrliches Video.

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Alan, 24, aus Brasilien ist die vergangenen acht Monate um die Welt gereist. Anfangs war er glatt rasiert, am Ende trug er einen dichten Bart. Jeden Tag hat er ein Selfie von sich, seinem wachsenden Bart und seiner Umgebung gemacht. Egal, ob er gerade in Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, Birma (Myanmar), Malaysia oder Indien war. Das daraus entstandene Video hat er „8 Monate in drei Minuten“ genannt.

Und hier ist das Ergebnis:

Wir haben Alan zum Interview gebeten:

kofferpacken.at: Wie bist du auf die Idee mit dem Bart-Video gekommen?

Alan: Ich habe es aus Spaß gemacht, ohne bestimmten Grund. Ich wollte einerseits meinen Trip festhalten und andererseits mir einen Bart wachsen lassen. Beides auf Bildern festzuhalten schien mir also eine gute Idee. Ein Freund schlug mir vor, mich einfach nicht zu rasieren und ich dachte: Warum nicht? Darüber hinaus: Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder die Möglichkeit haben werde, so auszusehen. Ich bin Ingenieur, wir müssen vorzeigbar ausschauen. Oder zumindest sauber (lacht).

kofferpacken.at: Hast du dich wirklich acht Monate lang nicht rasiert? Ab wann und wobei hat dich der Bart genervt?

Alan: Ich habe nur den Moustache ein paar Mal getrimmt, weil es wirklich nervig wird, wenn er über die Lippen wächst. Das Nervigste ist eigentlich das Essen – es bleibt ständig im Bart hängen. Aber es macht mir nichts, ich wische es einfach ab.

kofferpacken.at: Wie startest du in deinen neuen Lebensabschnitt zurück in der Heimat Brasilien: mit oder ohne Bart?

Alan: Leider ohne Bart. Ich werde mich jetzt für Jobs bewerben – und niemand wird jemanden einstellen wollen, der so aussieht wie ich im Moment. Das hängt natürlich vom Berufsfeld ab, aber als Ingenieur bin ich in einem ziemlich konservativen Umfeld. Aber das ist ok, wirklich, es macht mir nichts. Was wirklich zählt sind die Erfahrungen die ich gesammelt habe.

kofferpacken.at: Alan mit Bart oder Alan ohne Bart. Sind das zwei unterschiedliche Leute? Welcher davon bist du lieber?

Alan: Ich mag den Gedanken, dass mein Bart die Entwicklung, die ich während dieser Reise durchgemacht habe, repräsentiert. Mit der Zeit, die verging, wuchs nicht nur mein Bart, sondern auch mein Ich. Mein Bewusstsein, mein Reiseverhalten veränderten sich. Ich mag es, einen Bart zu haben – aber so lange wie jetzt muss er nicht sein. Die Frage, ob ich mit beziehungsweise ohne Bart ein anderer Mensch bin, erinnert mich an etwas, dass die Menschen in Südostasien gerne sagen: „Same same but different.“ Ich bin noch immer dieselbe Person. Aber anders. Auf eine Reise zu gehen, wie es die meine war und unverändert zurückzukehren ist nicht möglich. Ich bin glücklich darüber, wer ich geworden bin.

kofferpacken.at: Welche Tipps gibt’s du anderen, die von einer Weltreise träumen?

Alan: Ich habe mich am Tag meines ersten Bewerbungsgespräches in meinem Leben dafür entschieden, auf Weltreise zu gehen. Ich war gerade im letzten Studienjahr und musste mich für ein längeres Praktikum bewerben. Mein künftiger Vorgesetzter stellte mir diese übliche Frage: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Ich war ehrlich und antwortete: „Ich will ein paar Jahre arbeiten und dann für eine Weile reisen.“ Das ist sicher nicht die beste Antwort in so einer Situation, aber zumindest war ich ehrlich.

Der Interviewer war zuerst geschockt und fragte mich dann, ob er mir einen Rat geben könne. Ich erwartete eine Belehrung. Aber er sagte: „Wenn du wirklich für eine längere Zeit reisen willst, dann macht es genau jetzt!“ Es stimmt: Verschiebe deine Träume nicht! Ich war nicht verheiratet, hatte keine Kinder, keine große Verantwortung. Später einen guten Job zu kündigen – das würde ich vielleicht nicht machen. Also dachte ich angestrengt nach und entschied, gleich nach dem Uni-Abschluss auf Weltreise zu gehen. Das beste an der Geschichte? Der Typ wollte mich trotz allem einstellen.

Was ich also Leuten mitgeben will, die reisen wollen: Den perfekten Moment, deinen Träumen zu folgen, wird es nie geben. Wenn dich nichts weiter als die Angst zurückhält: Mach es! Natürlich hatte ich auch Angst. Der naheliegende Schritt nach der Uni wäre es gewesen, mir einen Job zu suchen. Zumindest gibt uns die Gesellschaft vor, dass es so sein sollte. Wenn man mal das Richtige gefunden hat, macht das auch Sinn. Aber du wirst dein Leben lang arbeiten. Macht es da wirklich einen Unterschied, wenn du dich ein halbes Jahr oder ein Jahr raus nimmst?

Während meiner Reise traf ich nicht viele, die in derselben Situation waren. Die meisten hatten ihre Jobs gekündigt. Aber wisst ihr was? Sie waren am Ende glücklich darüber! Ich sage euch nicht: „Kündigt eure Jobs!“ Ich frage nur: Was steht wirklich zwischen euch und euren Träumen? Jobs kommen und gehen. Das Bedauern, nicht an seinen Träumen festgehalten zu haben, bleibt. Bevor ihr eine wichtige Entscheidung trefft, vergewissert euch, dass euer Traum wirklich das Reisen ist. Vielleicht ist es nicht so. Aber wenn doch, warum macht ihr es nicht?