Die 35-jährige Niederösterreicherin Birgit Krickl hat vor etwas mehr als acht Monaten den großen Schritt gewagt: Sie ist nach Neuseeland ausgewandert. Dort arbeitet sie in der Küstenstadt Tauranga als Psychotherapeutin. Auswandern, sagt sie, geht nur „ohne Rücksicht auf Verluste.“

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kofferpacken.at: Auswandern – ein Traum vieler. Sie haben ihn verwirklicht – wie kam’s?

Birgit Krickl: Den Traum vom Leben und Arbeiten in einem anderen Land gab es schon lange, aber der Zeitpunkt war nie der richtige. Entweder passte es beruflich nicht, ich hatte zu wenig Geld gespart oder war in einer Partnerschaft. Während meiner Studienzeit habe ich immer wieder die Gelegenheit genutzt, Erfahrungen im Ausland zu machen. Letztes Jahr war dann alles stimmig und somit habe ich diese Entscheidung getroffen.

kofferpacken.at: Waren Sie vor der Auswanderung schon einmal in Neuseeland?

Birgit Krickl: Ich war nur ein Mal für zwei Wochen hier. Vor allem um meine „Immigration Advisers“ (Anmerkung: Einwanderungsbetreuer) mal persönlich kennen zu lernen und gewisse Dinge zu besprechen und zu klären.

kofferpacken.at: Warum haben Sie genau das „Ende der Welt“ als neuen Lebensmittelpunkt gewählt?

Birgit Krickl: Alles was ich bisher über Neuseeland gehört oder gelesen hatte, hat mich fasziniert. Ich bekam ein Bild von einem Land, in dem noch alles in Ordnung ist beziehungsweise wo alles friedlicher und gelassener ist. Also wollte ich dorthin.

kofferpacken.at: Wie stellt sich die Realität des Auswanderns dar?

Birgit Krickl: Die Realität ist, dass man den Sprung ins kalte Wasser wagen muss. Meiner Meinung nach gibt es nur alles oder nichts, ganz oder gar nicht – halbe Sachen funktionieren nicht. Ich hatte diese Entscheidung getroffen und jetzt musste ich sie auch durchziehen. Weil ich wissen wollte, ob es funktioniert. Ich hatte in Österreich alles aufgegeben und mit dem Koffer in der Hand das Land verlassen, ohne zu wissen, was mich in Neuseeland erwarten würde. Ob ich einen Job finden würde und ob ich grundsätzlich bleiben könnte.

Auswandern: neue Heimat Neuseeland

Wiesen, Schafe, Ozean: Birgit Krickls neue Heimat.

kofferpacken.at: Gab es Anfangsschwierigkeiten und Stolpersteine?

Birgit Krickl: Ich habe in Österreich alles so gut wie möglich geplant und vorbereitet, das hat mir viele Stolpersteine erspart. Zuerst musste ich mich an das schnell gesprochene Englisch mit einem ganz eigenen „Slang“ gewöhnen. Das Einzige, das mir hier – vor allem als Österreicherin – anfangs im Weg war, war meine eigene Ungeduld. In Österreich muss alles schnell gehen und wir sind auch eine gewisse Geschwindigkeit gewohnt. Das ist hier anders, alle Prozesse, einfach alles ist viel langsamer und gelassener. Das gilt für den Bewerbungsprozess bei der Jobsuche genauso wie für’s Autofahren. Rückblickend ist alles sehr gut und rund gelaufen – dank meiner Planung.

kofferpacken.at: Was unternehmen Sie, um sich in die neuseeländische Gesellschaft zu integrieren?

Birgit Krickl: Ich beobachte die Menschen und versuche, gewisse Verhaltensweisen nachzuahmen beziehungsweise mich anzupassen. Ein kleines Beispiel ist, dass hier zur Begrüßung und Verabschiedung nicht die Hände geschüttelt werden. Obwohl es nur eine Kleinigkeit ist, war es eine große Umstellung für mich, weil es einfach Gewohnheit war. Ein anderes Beispiel: Der Maori-Nasenkuss zur Begrüßung in meinem ersten Job – ich habe einfach das gemacht, was die anderen auch getan haben.

kofferpacken.at: Wie geht es Ihnen dabei, langsam Fuß zu fassen?

Birgit Krickl: Ich habe mich bei meinen Immigration Advisers sehr gut informiert und wusste von Anfang an über meine Chancen und die zugehörigen Bedingungen Bescheid. Ich musste eine Vollzeit-Stelle in meinem Berufsfeld, der Psychotherapie, finden. Das gelang mir rückblickend betrachtet relativ schnell.

Grundsätzlich ist das neuseeländische Volk außerordentlich freundlich, hilfsbereit und vor allem tolerant. Das erleichtert alles, denn jeder hilft dir gerne weiter, gibt dir Auskunft oder Tipps. Und es passiert schon mal, dass dich ein Fremder auf einen Ausflug mitnimmt und dir ein Stück Schönheit zeigt.

Auswandern Neuseeland Erfahrungsbericht

Auswanderin Krickl: „Schöner und besser als ich mir erträumt hatte.“

kofferpacken.at: Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Birgit Krickl: Es ist besser und schöner, als ich mir erträumt hatte. Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich in diesem wundervollen Land sein darf. Und auch wenn ich auf gewisse Vorzüge, die das österreichische System bietet, verzichten muss, ist es das für mich wert. Ich bereue diesen Schritt nicht.

kofferpacken.at: Was sind die schönen beziehungsweise weniger schönen Seiten am Leben in Neuseeland?

Birgit Krickl: Schöne Seiten sind viele zu benennen, von der traumhaften Landschaft über die offene Mentalität der Leute, deren Gelassenheit, Freundlichkeit und Toleranz bis zu der Tatsache, dass die Suppe nicht so heiß gegessen wird wie gekocht. Ich könnte von unzähligen Situationen berichten, die mich fasziniert und gleichzeitig menschlich berührt haben.

Zu den nicht so angenehmen Seiten würde ich vor allem meine Ungeduld zählen. Manchmal fordert mich diese Langsamkeit und Gelassenheit heraus. Das Gesundheitssystem ist hier nicht so wie in Österreich, man muss jeden Arztbesuch bezahlen. Es gibt „nur“ vier Wochen Urlaub im Jahr und kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Aber ich würde das System trotzdem nicht als schlecht bezeichnen. Ich selbst habe dieses Land gewählt und es relativiert sich alles, wenn man hier leben und arbeiten darf.

kofferpacken.at: Zwischen Neuseeland und Österreich kann man nicht mal schnell hin- und herfliegen. Wie fühlt es sich an, so weit weg von der Heimat, vor allem von Familie und Freunden zu leben?

Birgit Krickl: Es ist nicht einfach, echte Freundschaften zu knüpfen. Man kommt zwar schnell in Kontakt mit Menschen und erzählt sich auch persönliche Dinge, doch das bleibt zumeist trotzdem oberflächlich. Echtes Interesse und eine wachsende Freundschaft hab ich hier erst vor Kurzem das erste Mal erlebt.

Ich habe die letzten Jahre in Wien gelebt und war daher schon vorher ein Stück von meiner Familie entfernt. Dank der modernen Technik ist es sehr einfach, den Kontakt mit Freunden und Familie zu halten – vor allem über Viber (ähnlich wie Skype), Facebook und E-Mail. Der erste Heimatbesuch wird sich vermutlich erst 2016 realisieren lassen.

kofferpacken.at: Haben Sie ein paar allgemeine Tipps für künftige Auswanderer?

Birgit Krickl: Die Entscheidung, es ohne Rücksicht auf Verluste zu wagen – unabhängig davon, ob der Plan aufgeht oder nicht. Außerdem eine gute Planung. Die Zusammenarbeit mit den Immigration Advisers empfehle ich unbedingt. Sie wissen genau, welche bürokratischen Wege zu gehen sind und wie die Chancen stehen. Ich halte es nicht für sinnvoll, sich auf eigene Faust durch den „Wald“ der Visumsanträge zu kämpfen – das kostet nur unnötig Zeit.

Ich würde auch empfehlen, sich einen Notfallplan zurecht zu legen – für den Fall, dass der Traum sich nicht verwirklicht. Doch meiner Meinung nach muss man wirklich alles aufgeben, alles hinter sich lassen und es wirklich mit ganzem Herzen tun. Halbe Sachen haben erfahrungsgemäß keine lange Dauer.

Und jeder Traum hat seinen Preis.