Von 0 auf 100 in Weihnachtsstimmung: Im Thüringer Wald, wo einst die Christbaumkugel erfunden wurde, ist auch im Hochsommer Advent.

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Wenn das Geld knapp wird, hilft nur mehr die Kreativität. Tief im Thüringer Wald, wo die mit schwarzem Schiefer verkleideten Häuser grimmig dreinblicken, hatte einst jemand mit richtig wenig Geld eine richtig gute Idee. Man kann sogar sagen, dass ein mittelloser Kerl damit Weihnachten revolutionierte. Es war um 1830, als es sich ein verarmter Glasbläser einfach nicht mehr leisten konnte, den Christbaum mit Äpfeln und Nüssen zu schmücken. Er machte aus der Not eine Tugend: Der Handwerker kopierte die Form des Apfels aus Glas und fertige damit die erste Christbaumkugel der Welt an.

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Jede Kugel ist mundgeblasen

Noch heute ist der Ort Lauscha das Zentrum für handgefertigten Weihnachtsschmuck. Eigentlich müsste man „mundgefertigt“ sagen: Jede Kugel wird mundgeblasen, dazu werden schmale Glasröhren („Kolben“, „Stückchen“) auf mehr als 750 Grad Celsius erhitzt und gekonnt in die richtige Form geblasen. Bis zu 1.000 Stück schafft eine Mitarbeiterin pro Tag. „Nach dem Ausblasen wird jede einzelne Kugel von Hand versilbert, lackiert und bemalt“, erklärt Daniela Reck von der Farbglashütte Lauscha. Das hat ihren Preis – handgemachte Kugeln sind um einiges teurer als industriell gefertigter Baumbehang.

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Im Weinachtswunderland

Wer die Stufen hinabsteigt zur ganzjährigen Christbaumschmuck-Ausstellung, kommt von 0 auf 100 in Weihnachtsstimmung: Prunkvoll geschmückte Weihnachtsbäume, Kugeln und allerlei anderer Weihnachtsbehang in allen Formen, Farben und Variationen. Was liegt in diesem Jahr im Trend? „Heuer sind es Pastellfarben“, sagt Reck. „Die drei wichtigsten Farben am Christbaum sind traditionell aber Rot, Gold und Silber.“ Was in Europa gut ankommt, interessiert natürlich auch die Chinesen. Fotografieren ist im Weihnachtsland deshalb eigentlich verboten – billige Fälschungen sind im Weihnachtskugelbusiness gang und gäbe.

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Workshop im Christbaum-Schmücken

Wie man den Christbaum richtig schmückt, erklärt Reck in Workshops, die das ganze Jahr über stattfinden. Zu Beginn kommen die Kerzenzwicker oder Lichterketten an den Baum. Dann gilt: Geschmückt wird von oben nach unten. Oben, wo der Baum schmäler ist, werden die kleinen Kugeln platziert, unten die größeren. Die schönsten, also die handgemachten Kugeln, hängt man nach vorne, die weniger teuren nach hinten.

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Die Weihnachtsgurke

Jede Form hat so ihre Bedeutung: Das Engerl ist der Bote des Himmels, die Glocken läuten die heilige Nacht ein und Eiszapfen symbolisieren die Kälte. Da kommen Winterromantik und Kindheitserinnerungen auf. Aus der Reihe tanzt nur die grüne Weihnachtsgurke: Eine Tradition, die die Amerikaner lieben. Sie hängen stets eine aus Glas gemachte Essiggurke an den Baum, wo sie im Grün der Tannennadeln untergeht. „Wer sie als erstes entdeckt, darf zuerst sein Geschenk öffnen“, erklärt Reck.

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Handgemachte Kugeln erkennen

Und wie erkennt der Laie, ob eine Christbaumkugel mundgeblasen oder maschinell gefertigt ist? Erstens sind handgefertigte Kugeln dünnwandiger und leichter als maschinell produzierter Baumbehang, weil die Glasbläser sehr filigran arbeiten. Zweitens ist die Öffnung am oberen Ende viel kleiner als bei einer industriell gefertigten Kugel. Drittens: Am einfachsten zu erkennen ist die handgefertigte Kugel, weil sie am unteren Ende eine kleine Wölbung beziehungsweise Blase im Glas hat.

Das ganze Jahr über in einem Wunderland zwischen glitzernden Kugeln, Weihnachtsliedern und geruchlosen Plastiktannen herumschweben. Der perfekte Arbeitsplatz für Romantiker? „Für Weihnachten habe ich wenig Zeit“, sagt Reck achselzuckend, „da ist hier die Hölle los.“ (kofferpacken.at, 21.7.2015)

 

Koffer packen und los geht’s:

Tipp für Weihnachtsfans: In der Farbglashütte Lauscha kann man das ganze Jahr über Workshops zum richtigen Christbaumschmücken buchen. Außerdem gibt’s Baumbehang zum Werksverkaufspreis.

Einkaufs-Tipp: Zur Farbglashütte gehört auch ein Museum für Glaskunst. Beim Schaublasen kann man den Handwerkern zusehen und auch selbst sein Glück versuchen. Außerdem kann man handgefertigte Glaskunst kaufen – von der Gartenkugel bis zur Glasmurmel.

Übernachtungs-Tipp: Das 4-Sterne-Boutique-Hotel Schieferhof in Neuhaus am Rennweg ist nur wenige Fahrminuten von der Glasmanufaktur entfernt. Außen traditionell aus Schiefer gestaltet, trifft man innen auf romantisch eingerichtete Zimmer im Landidyll-Stil. Hotelchefin Rita Worm, gleichzeitig Geschäftsführerin der Glasmanufaktur, bindet die Region stark ins Hotelleben ein: Der Tisch im Restaurant ist mit handgefertigten Gläsern gedeckt und mit den ausgefallenen Porzellanwerken heimischer Künstler geschmückt, regionale Zutaten finden sich sowohl im Essen als auch am Frühstücksbuffet.

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Aktiv-Tipp: Der Thüringer Wald eignet sich im Winter zum Schifahren und Langlaufen, im Sommer zum Wandern und Radfahren. Wer die Region aktiv erleben will, meldet sich am besten bei Axel Müller in Steinach ein Sporthotel und in Sonneberg ein Gästehaus betreibt. Über seine Outdoor-Agentur kann man alle möglichen Kurse – von Snowbiken bis Mountainskyven buchen. Er ist besonders auf Firmen, Gruppen, Schüler, Sportler und Familien ausgerichtet. Kontakt & Unterkunft: Axel Müller von www.outdoor-inn.de.

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Lust auf noch mehr Thüringen? Hier geht’s zum Artikel über Jena, Weimar und Erfurt.

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Offenlegung:
Wir waren im Juli 2015 auf Einladung der Thüringer Tourismus GmbH fünf Tage lang in Thüringen unterwegs. Meinungen, Bilder und Texte sind wie immer „hausgemacht“.