Gjirokastra, UNSECO-Weltkulturerbe-Stadt im Süden Albaniens, erwacht langsam aus dem postkommunistischen Dornröschenschlaf. Schlaue haben längst den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt.

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Wenn der Ruf des Muezzins zum Abendgebet erklingt, lebt der Bazaar von Gjirokastra auf. Männer sitzen in Grüppchen vor den Straßencafés, hier wird noch ein Einkauf erledigt, da trifft man sich auf eine abendliche Unterhaltung. Während die glühende Hitze des Tages langsam hinter die rosa gefärbten Berge schwindet, kehren der Holzschnitzer, die Souvenirverkäuferin und die Alte mit den Häkelarbeiten den Unrat des Tages vor die Tür und schließen ihre Läden.

Jahrhunderte alter Handelsplatz

Bazaar in Albanien

Am Rondell des Bazaars kreuzen sich fünf mit Kopfstein gepflasterte Straßen.

Der Bazaar: ein steiler Hang, eine Kreuzung, Pflastersteine. Frisörbuden, Krämerläden, Cafés. Das Herz von Gjirokastra, der knapp 40.000-Seelen-Stadt im Drinotal, eingebettet in die Bergwelt Südalbaniens. Hier trifft das noch immer im Umbruch befindliche postkommunistische Land auf die Welt da draußen. Schon vor Jahrhunderten war der Bazaar ein bedeutender Umschlagplatz für Waren. Wo früher Filz, Stickereien, Seide und der noch immer beliebte weiße Käse gehandelt wurden, kann man heute Postkarten und CDs mit albanischer Volksmusik kaufen.

Gebrechliche Frauen in schwarzen Kleidern und Kopftüchern, junge, auffällig geschminkte Mädchen in hohen Stöckelschuhen und Teenager, die am Handy Musik hören treffen auf italienische Touristen, amerikanische Flip-Flop-Träger, deutsche Studienreisende. „Jetzt sind die Deutschen wieder da, genau wie im Zweiten Weltkrieg“, sagt der Besitzer eines Internet-Cafés in Anspielung auf die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1943. Nachsatz: „Diesmal immerhin in friedlicher Mission.“ Vom langsam steigenden Tourismus erhofft er sich wenig: „Was bringt mir das? Das ganze Land ist korrupt.“

Es gibt viel nachzuholen

Gjirokastra gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die 40.000-Einwohner-Stadt Gijirokastra liegt im Süden Albaniens und gehört aufgrund ihrer Häuser im osmanischen Baustil zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Positiver gestimmt ist die Souvenirverkäuferin am Rondell, der Kreuzung der fünf gepflasterten Gassen. Mit akribischer Sorgfalt packt sie die verkauften Waren ein, mit einem Lächeln lädt sie zum Wiederkommen ein. Man hat das Gefühl, Touristen werden hier noch als Gäste betrachtet, nicht nur als Devisenbringer. Als Menschen, die eine Reise tun und mit denen man sich austauschen möchte.

Es gibt viel nachzuholen, lange war das Land von der Außenwelt abgeschnitten. Diktator Enver Hoxha, der übrigens in Gjirokastra geboren wurde, herrschte von 1944 bis 1985 mit strenger Hand. Da während des Kommunismus ausschließlich Russisch gelehrt wurde, reden vor allem ältere Bewohner kaum Englisch. Das hält die Obstverkäuferin nicht davon ab, ihren Laden kurz zu verlassen, um Fremden den Weg zu zeigen. Die Souvenirverkäuferin trifft sich regelmäßig mit anderen, um ihre Englischkenntnisse aufzubessern.

„Stadt der 1000 Stufen“

Die „Stadt der 1000 Stufen“ ist auf eine Anhöhe gebaut und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das hat sie den dreistöckigen Häusern in der Altstadt zu verdanken. Die meisten von den im osmanischen Stil erbauen Gebäude sind dreistöckig und wurden zwischen 1800 und 1830 erbaut. Besondere Merkmale sind die Dächer aus Stein und die hölzernen Balkone.

Die Kotonis hatten den richtigen Riecher

Pension Kotoni, Gjirokastra

Auch die Pension Kotoni ist in einem mehr als 200 Jahre alten Gebäude untergebracht. Sie war laut den Besitzern nach dem Zerfall des Kommunismus eine der ersten Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen.

Ein paar Gassen oberhalb des Bazaars sind dem Tourismus vor zwei Jahrzehnten erste, vorsichtige Knospen gesprossen. In der Pension Kotoni vermietet das gleichnamige Ehepaar Zimmer an ausländische Gäste. „Wir waren nach dem Ende des Kommunismus die Ersten, die damit angefangen haben“, erzählt Gastgeberin Vita Kotoni. Viele im Ort hätten sich damals dagegen gesträubt, Kontakt mit Fremden waren sie nicht gewohnt. „Unter Hoxhas Diktatur durften wir nicht einmal über die Grenze nach Griechenland, wir waren völlig abgeschottet – das war schrecklich“, seufzt sie.

Aufbruchstimmung

Abendstimmung in Gjirokastra

Abendstimmung mit Blick über die steinernen Dächer

1992 kamen die ersten Gäste, es waren Italiener, ein Vater und sein Sohn. Heute wird das kleine Bed and Breakfast, dessen 200 Jahre altes Gemäuer ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, im Lonely Planet Reiseführer empfohlen. Die sieben Zimmer sind klimatisiert, haben einen Fernseher und kabelloses Internet.

An heißen Sommertagen sitzt das Ehepaar auf dem Balkon, inmitten von blühenden Hortensien, schnurrenden Katzen und bieten vorbeispazierenden Reisenden per Zuruf eine Unterkunft an. Die beiden haben den Dreh draußen, sind aber längst nicht mehr die Einzigen: Mittlerweile haben zahlreiche andere Gästehäuser aufgemacht. Im Bazaar ist man da noch zögerlicher, aber bestimmt nicht mehr lange. (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

 

Koffer packen und los geht’s

Anreise: Gjirokastra liegt in Südalbanien, rund 6 bis 8 Bus-Stunden südlich der Hauptstadt Tirana. Auch von der nahe gelegenen griechischen Insel Korfu aus ist die Stadt in kurzer Zeit (eine Stunde Fähre nach Saranda, dann rund eine Stunde Bus) zu erreichen.

Festival: Alle fünf Jahre findet das National Folklore Festival statt, das nächste Mal soll es 2014 soweit sein.

Information: www.gjirokastra.org