Francesca sitzt auf dem Boden und lehnt an der Wand. In ihrer Hand ein Schild mit der Aufschrift „I’m here to listen to your story“. Warum eine 19-Jährige in Rom nach Geschichten sucht …

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Die 19-jährige Studentin Francesca ist eine originale Römerin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen zuzuhören. Mit einem Schild sitzt sie oft am Straßenrand der Piazza Santa Maria und hört den Menschen zu, die sich jemandem mitteilen möchten. Die Tochter eines Österreichers und einer Italienerin möchte dafür aber nichts haben – die Erfahrung reicht ihr.

kofferpacken.at: Seit wann machst du das? Dich einfach hinsetzen und zuhören?

Francesca: Ich habe damit am 9. April 2012 begonnen. Ich mache das nicht jeden Tag, nur wenn ich Lust habe und vor allem Zeit. Einen regelmäßigen Rhythmus gibt es nicht.

kofferpacken.at: Und warum hast du dich dazu entschlossen?

Francesca: Weil ich Lust hatte, etwas Neues zu machen. Ich hatte Lust, zu reisen und neue Menschen kennen zu lernen, mit denen ich etwas Abstand von meiner täglichen Realität mit Schule, Familie und Freunden gewinnen konnte. Als ich angefangen habe, hatte ich nicht die Möglichkeiten, viel und weit zu reisen und das war für mich die Chance zu reisen und dabei in Rom zu bleiben. Ich habe weiter gemacht, weil ich eine Aktivität entdeckt hatte, die mich mit Freude erfüllt, die mich erkennen ließ, dass ich glücklich bin. Es gab auch Zeiten, da konnte ich mich nicht hinsetzen, weil ich lernen musste, oder weil es einfach zu kalt war. Das machte mich schon sehr traurig.

kofferpacken.at: Kommen viele Menschen zu dir und erzählen dir ihre Geschichten?

Francesca: Ja! Es ist mir noch nie passiert, dass ich ohne neue Erlebnisse nach Hause komme. Ich habe viele gehört, hunderte!

kofferpacken.at: Wie reagieren die Menschen auf deine Initiative?

Francesca: Viele Leute sind einfach nur neugierig, meistens erzählen sie mir aber sehr persönliche, wichtige Geschichten. Jede ist anders und es ist unmöglich hier eine generelle Definition abzuliefern, wie die Menschen auf mich und das, was ich tue, reagieren.

kofferpacken.at: Was machst du mit den Erzählungen?

Francesca: Ich lerne daraus. Ich schätze diese Geschichten und ich öffne meinen Verstand für die Verschiedenheit, für die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Derzeit schreibe ich sie in einem Heft auf, weil es so viele sind und ich sie vergesse, wenn ich sie nicht aufschreibe. Wenn ich eine klarere Idee habe, dann möchte ich etwas Tiefgehendes und Vernünftiges schreiben. Aber im Moment ist es für mich sehr schwierig, anzufangen. Viele Fragen mich, ob ich eine Schriftstellerin auf der Suche nach Ideen bin. Nein. Ich bin nur ein Mädchen, das etwas Schönes machen, und vielleicht dabei etwas lernen möchte.

kofferpacken.at: Denkst du, deine Aktion wäre auch in anderen Städten möglich? Was ist speziell an Rom oder Trastevere?

Francesca: Ich war auch bereits mit meiner Aktion in Neapel, Paris, Berlin, Budapest und Bologna. Dabei muss ich sagen, dass ich die besten Erfahrungen in Rom und Paris gemacht habe, aber vermutlich nur, weil ich dort die meiste Zeit verbracht habe. Der Ort ändert die Erfahrung nicht unbedingt: In Rom, Paris, Bologna und Berlin habe ich mit sehr vielen Personen gesprochen, die aus anderen Orten kamen. In Neapel sind nur wenige stehen geblieben und auch in Budapest – dort war es für mich sehr interessant, zu sehen, dass die Menschen dort eher ein bisschen misstrauisch sind.

Rom ist speziell, natürlich. Ich mache es in Rom, weil ich hier lebe. Ich mache es in Trastevere, weil ich es an einem Ort mache, der in meinem Herzen wunderschön ist. Trastevere ist ein sehr wichtiger Ort für mich geworden. Auch wenn es mir dort schon vorher gefallen hat, jetzt ist es noch spezieller. Ich bin immer an der Piazza di Santa Maria, manchmal auch an der Ponte Sisto. Eine der größten Konsequenzen meiner Initiative war die Festigung der Beziehung zwischen mir und dem Viertel, das ich jetzt mit komplett anderen Augen sehe. Es ist nicht nur die Beziehung zwischen mir und den Menschen, die ich nicht kenne, es ist viel komplexer: der Spaziergang entlang des Tibers, um zur Piazza zu kommen, das orange Licht auf den Sampietrini (Anm. spezielles Kopfsteinpflaster in Rom), das Geräusch und der Geruch des Tibers. Ich hatte früher nie etwas mit der Jugend des Viertels zu tun, war aber trotzdem viel dort unterwegs. Vor dem 9. April war ich nur selten in Trastevere, danach aber mehr als ein Jahr sehr viel mit viel Leidenschaft.

kofferpacken.at: Sind es mehr Touristen oder Einheimische, die sich dir anvertrauen?

Francesca: Obwohl ich bereits mit Menschen aus der ganzen Welt geredet habe, sind es doch meistens Italiener, die zu mir kommen.

kofferpacken.at: Was ist deine Geschichte?

Francesca: Das ist immer die schwierigste Frage. Meine Geschichte ist die eines Mädchens, das Reisen liebt, das Leben und die Menschen, das es liebt, zu lachen und andere zum Lachen zu bringen, die Andersartigkeit kennen zu lernen. Es ist die Geschichte eines glücklichen Mädchens, das mit liebenswerten Eltern aufwuchs, die es immer verstanden haben und mit besonderen Freunden. Aber es ist auch die Geschichte eines verwirrten Mädchens, das bisher versuchte, das Gewicht des Kapitalismus zu bewältigen und die Unmöglichkeit, dass seine kleinen Aktionen eine Veränderung herbeiführen könnten. Es ist dasselbe Mädchen, das die Dankbarkeit in den Augen der Menschen sieht, die ihre Geschichten erzählen. Ein Mädchen eingeklemmt zwischen dem Sinn der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit. Ich liebe die Kunst. Ich liebe die schönen Dinge und ich denke, dass es jene sind, die uns im Leben halten. Ich könnte noch andere Dinge erzählen, aber das will ich nicht. Und ich wüsste auch nicht, ob ich sie einer anderen Francesca erzählen würde, die auf der Straße sitzt und mir zuhören würde. (Daniela Nowak, Juli 2013, kofferpacken.at)

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Kooperation Städte-Serie

Unterkünfte in Venedig gibt’s bei GowithOh.

Dieser Artikel wurde im Rahmen unserer von GowithOh unterstützten Städte-Serie „Kurz mal nach …“ verfasst. Dabei berichten wir über europäische Städte, in denen GowithOh Ferienwohnungen anbietet.