GASTBEITRAG VON DORIS NEUBAUER

Im Königreich Bhutan ist das Glück an oberster Stelle. Für Touristen heißt das: Nur wer kräftig zahlt, kann das Land besuchen.

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„Europa will sein Glück messen“, so lautete die ORF-Schlagzeile vor Kurzem. Von einer gewünschten Abkehr Deutschlands von reinen Wirtschaftszahlen hin zu einem Index fürs Wohlbefinden und Wohlergehen der Bevölkerung ist darin die Rede. Dass bei so einer Debatte die Erwähnung des „Bruttonationalglücks“ nicht ausbleiben kann, ist fast selbstverständlich. Ist doch die Idee nichts Neues: Im kleinen asiatischen Himalaya-Königreich Bhutan wird schon seit einigen Jahren das Glück der Bevölkerung über wirtschaftliches Wachstum gestellt.

Bruttonationalglück

„Jede „Jede Entscheidung wird vom Komitee fürs Bruttonationalglück geprüft“, erzählt uns Tourismus-Verantwortliche Alvaro Moreno beim Nachmittagstee in einem Café in der bhutanischen Hauptstadt Thimphu, „vom Bau eines neuen Damms bis hin zur Errichtung eines 5-Stern-Hotels, bei allem wird analysiert, ob es mit den Glücksfaktoren kompatibel ist oder nicht.“

Umweltschutz, nachhaltiges Wirtschaften, gutes Verhalten – so lauten einige der Grundlagen, die zu einem „glücklichen Volk“ beitragen, zumindest, wenn es nach dem Staat Bhutan geht. Das Prüfen dieser Kriterien ist genauso wenig leichtes Unterfangen wie das Handeln danach, gesteht uns der gebürtige Spanier. Erkenn- und spürbar sind die(se) Einschränkungen überall, wenn man – wie ich – im Königreich Bhutan unterwegs ist: Man darf nur mit einem Guide durchs Land reisen, für jede Region benötigt man eine Genehmigung, eine Art Visum, und dann ist da ja noch der – umstrittene – Tagsatz für Reisende…

Reisende zahlen 250 USD pro Tag

Die Rede ist von der Gebühr von 250 USD (bzw. 200 USD in der Nebensaison), die jeder pro Tag begleichen muss und die Massentourismus unmöglich macht. Von diesem Geld werden der Guide, der die Einzelnen oder Gruppen durchs Land bringt, ein Fahrer, die Kosten für die Übernachtung in den 3-Stern-Hotels, etwaige Eintrittsgebühren sowie dreimal tägliche Mahlzeiten bezahlt.

65 USD davon gehen an den Staat, der damit – zum Glück der Bevölkerung – eine kostenlose medizinische Versorgung, Schulbildung sowie andere Benefits garantiert. Ein weiterer Teil wird von einem lokalen Reisebüro, das in der Hauptstadt Thimphu und somit nahe des einzigen internationalen Flughafens des Landes in Paro sitzt, an den König abgeliefert. „Damit wird zum Beispiel für Alte und Kranke gesorgt“, berichtet uns Guide Chencho, der sich mit seinem Reisebüro „Active Bhutan Tours”auf deutschsprachige Gäste fokussiert, „und jeder Haushalt ist mit Trinkwasser ausgestattet worden.“

Der König ist allgegenwärtig

Ja, der König, der mittlerweile in 5. Generation aus derselben Familie gestellt wird, kümmert sich um sein Volk – so lautet die Botschaft, die sich nicht nur in den allgegenwärtigen Fotos und Bildern des jungen Herrschers samt noch jüngerer Gattin bemerkbar macht, sondern auch in den Aussagen der Leute. Und wenn der König einmal auslässt, dann gibt es ja noch immer Buddha, den Gründervater Shabdrung, den zweiten Buddha Guru Rimpoche, zahlreiche Mönche und Heilige – und natürlich Drugpa Künleg!

Drugpa Künleg und sein übermächtiger Penis

Ein Land, das einen „Narren“ wie diesen als Heiligen auserkoren hat, ist an Sympathie kaum zu übertreffen. Der gebürtige Tibeter ist im 15. Jahrhundert ins Königreich Bhutan gereist, hat damals mit seinem übermächtigen Penis (!) so viele Dämonen zur Strecke gebracht wie kaum ein anderer. Und er hat mindestens ebenso viele Frauen mit seinem prächtigen Stück beglückt – natürlich nicht, in dem er sie erschlagen, sondern durchdrungen und somit alles Böse aus ihnen vertrieben hat.

Der „Madman“ hat in den zahlreichen Stupas, Tempeln und Dzongs, den Festungen, die einerseits Sitz der weltlichen Verwaltung, andererseits Unterkunft der Mönche sind, seinen fixen Platz. Gleich neben Buddha und Co. Vielleicht sogar noch etwas mehr, denn Drugpa Künleg ist sowohl der Nationalsport, das Bogenschießen, zu verdanken als auch das bhutanische Nationaltier Takin, eine einzigartige und einzigartig seltsame Mischung aus Ziege und Kuh.

Penis-Malereien sollen Dämonen abwehren

Außerdem sieht man gerade in den ländlichen Gegenden auf beinah jeder Hauswand einen Riesenpenis prangen: Er soll Dämonen abwehren und Blicke etwaiger Neider eher auf das große Stück, als auf mögliche Schätze im Haus lenken. Eine Idee, die vielleicht auch ein Stück zum Wohlbefinden der Leute beiträgt…

Das viel zitierte Bruttonationalglück ist jedenfalls nicht die einzige Besonderheit des Landes, das in vielen Bereichen ein kleines bisschen anders ist. Zum Glück!

Stupa (Denkmal für Buddha) aus Schnee

Stupa (Denkmal für Buddha) aus Schnee

 

Gastbeitrag von Doris Neubauer

Offenlegung der Autorin
„Ich war eine Woche auf Einladung von Bhutan Tourismus und Active Bhutan Tours im Königreich Bhutan unterwegs.