Wie der Alltag in Tunesien nach der Revolution schmeckt und was tunesische Studenten an Österreichern beneiden.

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Im Bild: Das Leben in Tunesien nach der Revolution ist süß. So süß wie die Backwaren, die traditionell zum Ende des Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, verkauft werden. Die Mandlsüßigkeiten tragen Namen wie Kaak (Ringe), Baklawa (eckig) oder Mandelbällchen (bunt).

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Sami ist aufgeregt. Seine Augen funkeln, er fuchtelt mit den Händen, sein Redefluss nimmt kein Ende. „Vor der Revolution haben wir in ständiger Angst vor Regierung und Polizei gelebt. Niemand traute sich laut auszusprechen, dass wir unter Korruption litten und in einer Diktatur lebten. Und wer doch den Mund aufmachte und seine Meinung frei äußerte, wurde gefangen genommen, eingesperrt, sogar gequält.“

Der Umbruch in Tunesien kam mit dem Start der Demonstrationen Mitte Dezember 2010. Am 14. Jänner 2011 wurde der langjährige Diktator Ben Ali gestürzt und in der Folge zu insgesamt 66 Jahren Haft verurteilt. „Früher konnten wir nicht einmal Videos auf YouTube anschauen, der Zugang war gesperrt“, erzählt Student Sami weiter. Ein Internetaktivist musste ins Gefängnis, weil er im Netz Texte gegen Regierung und Polizei und deren Verbrechen gegen die Bevölkerung veröffentlicht hatte. Der tunesische Rapper „The General“ wurde im Zuge der Revolution von der Polizei entführt, weil er den Präsidenten und seine Familie in einem Lied der Korruption beschuldigt hatte.

Neues, süßes Leben

Das ist alles Schnee von gestern. Nach dem Arabischen Frühling und der Absetzung des Autokraten Ben Ali Anfang 2011 hat sich viel geändert. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Das neue Leben in Tunesien ist süß. So zuckersüß wie die Bäckereien, die traditionell zu Familienfeiern, Hochzeiten und zum Eid al-Fitr, dem Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan, gegessen werden. „Endlich sind wir frei“, sagt Sami und holt gleich wieder Luft, „es hat sich alles umgedreht. Wir leben jetzt in einer totalen Meinungsfreiheit, man könnte sagen, dass das manche Leute sogar missbrauchen“, so der Informatik-Student, der in einem Außenbezirk von Tunis lebt. „Persönlich fühle ich mich, als sei eine sehr, sehr schwere Last von mir gefallen, ich genieße das Leben viel mehr als vorher.“ Dass der gestürzte Präsident Ben Ali von der Bildfläche verschwunden ist, stimme die Jugend fröhlich. Hinter vorgehaltener Hand sei ohnehin schon lange getuschelt worden, er sein ein „Bachelor minus drei“, also nicht gerade der Hellste.

Nix mit faulem Studentenleben

Trotz all der positiven Veränderungen blicken Tunesiens Studenten nach wie vor wehmütig nach Europa: Studenten-WGs, Teilzeitjobs und nächtliche Bartouren sind für sie nicht drin. „Wir leben so lange bei unseren Eltern, bis wir fertig studiert haben. Das ist zwar praktisch, kann aber auch anstrengend sein“, erzählt Sami. Eine eigene Wohnung können sich die wenigsten leisten, Studentenjobs gibt es so gut wie gar nicht. Außerdem wäre dafür keine Zeit: Wer in Tunesien studiere, müsse meist täglich und von morgens bis nachmittags anwesend sein.

„Wie Huren“ kleiden

Nicht nur das lockere Studentenleben der Europäer beeindruckt die Tunesier. Manch einer blickt auch neidisch herüber, wenn es um das andere Geschlecht geht. Schon vor der Ehe eine Beziehung zu haben ist zwar keine Seltenheit mehr. Aber: Nicht immer sind die Eltern damit einverstanden. Auch Diskos, in denen junge Schönheiten in kurzen Röcken im Takt der Musik wippen, gibt es in Tunesien. Aber, so ein junger Mann: Die tunesischen Mädchen würden sich zwar „wie Huren“ kleiden, mehr als Küssen sei aber nicht drin. „Die Europäerinnen“, erklärt er, „schlafen auch mit uns.“ Helle, europäische Frauen älterer Semester, Hand in Hand mit ihren blutjungen tunesischen Lovern – kein seltenes Bild in den Touristenregionen an der Küste. „Viele Männer hoffen, auf diese Weise nach Europa zu gelangen“, bestätigt Mouna, ebenfalls Studentin.

Angst um etablierte Frauenrechte

Frauen sind in Tunesien – verglichen mit anderen islamischen Ländern – sehr emanzipiert: Als das Land im Jahr 1956 von seiner Kolonialmacht Frankreich unabhängig wurde, kam Habib Bourguiba als erster Staatspräsident an die Macht. Ihm verdankt das Zehn-Millionen-Einwohner-Land am Mittelmeer sehr viel: Tunesien wurde moderner, weltoffener und emanzipierter. Frauen haben heute viel mehr Rechte als in anderen islamischen Ländern. Es steht ihnen frei ein Kopftuch zu tragen, zu arbeiten, ihre Meinung zu äußern, sich scheiden zu lassen. Auch die Polygamie-Ehe wurde abgeschafft.

Kritik aus Europa nach den Wahlen

Wie geht es weiter für den europäisch geprägten islamischen Staat, in dem Mädchen Miniröcke tragen, aber ältere Frauen noch immer verhüllt in ihrem Jilbab zum Baden ins Meer steigen? Bei den ersten freien Wahlen im Oktober 2011 ging die islamistische Nahda-Partei als Sieger hervor – was in Europa mit Skepsis betrachtet wurde. Schon wird von einer Zunahme an Kopftuch-Trägerinnen berichtet – unter Ben Ali galt ein Kopftuch-Verbot – und es werden Stimmen laut, dass es mit der Gleichberechtigung der Frauen bergab gehen könnte. Ende November 2011 etwa demonstrierten Islamisten vor der Universität in Tunis und forderten, dass die Seminare künftig geschlechtergetrennt abgehalten werden.

Sami denkt trotzdem positiv, die Lage sei nach wie vor viel sicherer und stabiler als zuvor. „Unser tägliches Leben ist davon, dass eine islamistische Partei an der Macht ist, nicht beeinflusst“, sagt er, „wir leben in einer totalen Demokratie – mit allen Rechten, die dazu gehören.“ Die Tunesier selbst kritisieren an der regierenden Partei vor allem die Zurückhaltung im Kampf gegen radikale Islamisten und die schleppenden Verurteilungen der korrupten Machthaber des alten Systems, so Sami. Der Student bleibt dabei: „Ich bin optimistisch eingestellt, was die Zukunft unseres Landes betrifft.“ (Maria Kapeller, kofferpacken.at)

 

Info:

Wer nach Tunesien kommt, sollte sich unbedingt Zeit nehmen, auch das Landesinnere zu erkunden, zum Beispiel bei einer mehrtägigen Tour in die Sahara. Im Schnelldurchlauf bekommt man sowohl Stein-, Salz- als auch Sandwüste zu sehen. Ehe man sich versieht, befindet man sich in einer grünen Oase zwischen Dattelbäumen und großen roten Bananenblüten oder reitet auf einem Dromedar dem Sonnenuntergang entgegen.