Wie fühlt man sich, wenn das, was im Fernseher übertragen wird, direkt vor der eigenen Haustüre passiert? Die Ägypterin Sharine Atif über ihr Land im Ausnahmezustand.

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Sharine Atif ist eine von 80 Millionen Ägyptern, die in eine unsichere Zukunft blicken. Wir haben in den vergangenen Wochen über soziale Medien mitverfolgt, wie es der 30-jährigen Filmemacherin während der Proteste gegen den nun entmachteten Präsidenten Mohammed Morsi ergangen ist. Mehrmals haben wir sie zum Email-Interview gebeten, jedesmal kam etwas dazwischen. Jetzt hat uns Sharine einen selbst verfassten Essay mit dem Titel „Egypt hurts“ geschickt, in dem sie alle unsere Fragen beantwortet. Über ein ganz normales Leben in einem Land im Ausnahmezustand.

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Die Stunden der Hoffnung und der Freude

Ich war am 30. Juni am Flughafen auf dem Heimweg von Marokko als die Straßen in Ägypten mit 20 Millionen Protestanten oder mehr voll waren. Sie schlossen sich der Tamarrod Bewegung an, um den Sturz von Präsident Morsi zu fordern. Ich war besorgt und aufgebracht, weil ich nicht von Anfang an dabei sein konnte. Fast, als hätte ich die ersten und entscheidenden 20 Minuten eines sehr wichtigen Filmes versäumt, den ich nie wieder sehen kann … Aber es war ein gutes Gefühl, am 1. Juli vor dem Ittihadeya (Präsidentenpalast; Anm.) und am 3. Juli am Tahrirplatz zu sein, als alle die Beseitigung Morsis feierten. Ich muss sagen, es fühlte sich herrlich an. Die Leute hatten ein Lachen auf ihren Gesichtern, wir gratulierten uns alle gegenseitig, als wir aneinander vorbeizogen.

Erneute Proteste. Dasselbe Ziel, andere Beweggründe

Als die Revolution im Jänner 2011 begann, waren wir alle vereint, um eine gemeinsame Sache zu erreichen. Wir wollten Mubarak loswerden. Das gelang uns in der Tat. Aber warum? Ich bezweifle die These, dass das ägyptische Volk alleine das ermöglichte, was eine „Revolution des Volkes“ genannt wurde. … Manchmal tendieren wir dazu, die Wahrheit, das was wirklich passiert ist, zu leugnen. Alle hatten sich vereint um Mubarak zu entmachten und ich leugne nicht, dass es tatsächlich ein Sieg und ein großer Erfolg war. Aber vielleicht hatten das System, die Regierung, das Militär, – wer auch immer in Mubaraks Entmachtung involviert war – das Gefühl, einfach nur dem Druck der Massen nachgeben zu müssen. Das Ding ist: Ja, sie alle versammelten sich 2011 mit demselben Ziel, aber nicht aus denselben Gründen. Nicht alle Ägypter wollten dasselbe für Ägypten. Und das ist der Grund dafür, dass die Kluft zwischen uns wuchs und wir wieder hinausgingen, um zu protestieren.

Das Leben nach Mubarak

Es ist dieselbe Situation: dieselben Probleme, dieselbe Korruption, dieselben unterschiedlichen Darstellungen von Ägyptern, mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen und Wünsche, wie Ägypten sein sollte. Das einzige, was sich geändert hat ist, dass Beamte abgesetzt wurden und andere ihren Platz eingenommen haben. Die Frage ist: Glauben wir wirklich, die Lösung für die Beendigung der Korruption liegt in einer Einzelperson, die vielleicht sogar eine Marionette eines korrupten Systems ist?

Komplexe Gesellschaft, die man nicht generalisieren kann

Die meisten internationalen Mainstream-Medien tendieren zur Generalisierung und schreiben Sätze wie „Ägypter rebellieren“ oder „Ägypter haben Morsi demokratisch gewählt“. Aber es ist nicht nur schwarz oder weiß. Manche haben Morsi nur deshalb gewählt weil sie keine andere Wahl hatten. Sie wollten in der Stichwahl nicht für den zweiten Kandidaten stimmen, der Mubarak repräsentierte und aus demselben korrupten System kam.

Wir können nicht generalisieren. Manche Leute glauben, die Moslembrüder und die arme Bevölkerung sind in der Mehrheit und die Opposition ist eine Minderheit aus intellektuellen Eliten und Felous, Figuren des alten Mubarak-Regimes. Aber die öffentliche Meinung in Ägypten ist jetzt noch viel komplexer. … Es gibt viele kleinere Gruppen, manche sind in sich selbst gespalten, was Morsis Präsidentschaft betrifft. … Wieder andere sind vielleicht einfach nur besorgt, Arbeit zu finden, ihre Familien zu ernähren oder aktiv am sozialen Leben teilhaben zu können. Jede einzelne Gruppierung hat unterschiedliche Motive, Bedürfnisse, Ideen und Ansprüche damit Ägypten das Land wird, das sie ersehnen.

Ägyptens Militär: Welche Wahl haben wir?

Die Armee will die Leute glauben lassen, dass sie auf unserer Seite ist, und dass sie uns geben, was wir verlangen – oder es zumindest versuchen. Aber werden sie das wirklich? Werden sie? Ja, manche von uns haben Angst davor, wissen nicht, ob sie dem Militär vertauen können. Aber welche Wahl haben wir? Sie komplett zu beseitigen wäre unlogisch und würde ein Blutbad anrichten. Aber vielleicht können wir sie dazu bringen, nur zu 60 Prozent korrupt zu sein – anstatt 95 Prozent.

Friedlich zusammenleben, aber wie?

Es ist eine große Herausforderung für die Ägypter, sich auf eine gemeinsame Repräsentation zu einigen. Auch wenn es genauere Vorstellungen darüber gäbe – man würde nicht wissen, wie man sie umsetzen soll. Ich glaube, unser Ziel sollte es nicht sein, alle Erwartungen zu einer einzigen zusammenzufügen. Wir müssen danach suchen, was uns trotz unserer unterschiedlichen Vorstellungen vereint. Wir sind alle Ägypter, wir sind alle Menschen, wir alle wollen uns sicher fühlen und die Möglichkeit haben, so zu leben, wie wir es möchten. Darüber lässt sich nicht streiten. Die Herausforderung ist es, zu koexistieren und unterschiedliche Gruppierungen zu akzeptieren – nicht, sie zu eliminieren. Auch nicht, eine Gruppe davon zu überzeugen, eine andere dominieren zu wollen.

Ägypten soll blühen

Mir ist es egal, wer die Macht hat, so lange dieser jemand fair ist. Und erfolgreich darin, Ägypten zum Blühen zu bringen. Nicht so wie die Moslem-Bruderschaft und ihre Führer, deren einziges Interesse darin bestand, Ägypten zu einem Islamischen Reich zu machen.

Blick in die Zukunft: Friedlich miteinander leben

In den letzten Tagen gab es massive Zusammenstöße zwischen der Moslem-Bruderschaft und Morsi-Gegnern. Wir alle hoffen und bangen aus Angst vor einem Bürgerkrieg. Jeder neutrale, politikbewusster Ägypter, der außerhalb des Rasters denkt und als Mediator agieren kann, hat jetzt die Verantwortung zu versuchen, die Situation zu entschärfen. Die Medien müssen den Massen positive Alternativen aufzeigen: Wie wir trotz all unserer Unterschiede friedlich miteinander leben können. Wir alle müssen darüber nachdenken, was das beste für Ägypten ist und nicht nur darüber, was in unseren Augen das beste für uns selbst ist. Wir brauchen Gespräche mit Familie, Freunden, Lehrern, Taxifahrern, Verkäufern, Kindern. Jeder sollte teilhaben, sein Wissen, sein Talent oder welche Fähigkeiten acuh immer benutzen, um Frieden und Einigkeit zu stiften. Das mag sich idealistisch anhören, aber Wunder können passieren. (Sharine Atif, Kairo, Juli 2013)

Anmerkung der Redaktion: Sharine Atif hat den vollständigen Aufsatz auf Englisch auch auf ihrem neu gestarteten Blog www.sharineatif.wordpress.com veröffentlicht. Der Text wurde von kofferpacken.at übersetzt, gekürzt und mit Überschriften versehen, die Inhalte sind unverändert.